Freitag, 8. Juni 2018

Nachgedacht

Wenn man, wie ich, das Prinzip "Druck erzeugt Gegendruck" zur Grundlage gemeinsamer Bewegung macht, werden Gebisse nochmals richtig interessant.
Warum?
Die meisten Reiterinnen gehen davon aus, dass das Pferd dem Druck weichen und demnach am Gebiss nachgeben soll. Wenn das Pferd aber nun mit tensegralen Reaktionen Zug mit Zug und Druck mit Druck beantwortet -
Was passiert denn dann?
Das weichende Pferd reagiert auf Widerstand an der Kandare mit Nase zur Brust und Genick runter. Soweit logisch. Das ist aber nicht das, was die Kandare bewirken sollte. Wenn das Pferd Druck mit Gegendruck beantwortet, hebt sich das Genick (der allseits erwünschte höchste Punkt des Pferdes) und die Zunge drückt etwas nach vorne, während der Unterkiefer gegen die Kette drückt.
Mit letzteren Reaktionen sind alle langen Faszienzugbahnen aktiviert!
Ganaschenfreiheit
Damit kommt es auch nicht zu dem Problem, dass das Genick nur durch immer höhere Aufrichtung nach rückwärts der höchste Punkt bleiben kann, während die Ganaschen sich auf dem Unterhals abstützen (was m. E. keinen Deut besser ist als Rollkur). Die Ganaschenfreiheit entsteht demnach ebenfalls durch die aktiven Faszienzugbahnen.
Leichte Zügelführung
Eine sanfte Zügelführung, der das Pferd nur ganz wenig weicht, lässt das Pferd dennoch in die falsche Richtung arbeiten und kollabieren. Weichen bleibt Weichen! Eine sanfte Zügelführung, die das Pferd zu einem ebenso sanften Gegendruck auffordert, wirkt hingegen stärkend auf den ganzen Pferdekörper.
Und weil die Zusammenarbeit bisher so schön war, hier wieder die Erklärungen von Maike Knifka:
So, wie das Pferd durch Stellung, Biegung und Bewegung die Rotationsfähigkeit der Wirbelsäule dazu nutzen kann, Energiespeicherung und Energieentladung in eine tensegrale Aufspannung des Körpers zu transformieren, ist auch eine Anlehnung im Sinne des von Maren beschriebenen Zusammenspiels aus Zug und Gegenzug und Druck und Gegendruck dafür zu nutzen, das myofasziale System positiv unter Spannung zu bringen. Und zwar unabhängig davon, ob eine gebisslose Zäumung verwendet wird, eine Trense, oder ein Hebelgebiss. Eine weichende Reaktion auf die Zügelhilfe verhindert eine tensegrale Aufspannung.
Ein Blick auf die verschiedenen Interpretationen von Anlehnung in der Praxis macht deutlich, dass dem Pferd die positive Aufspannung sehr häufig entweder mit Gewalt oder durch „unterlassene Hilfeleistung“ unmöglich gemacht wird.

Die Verläufe der Faszienzugbahnen geben sehr anschauliche Erklärungen dafür, dass die Anlehnung als „Aufspannungshilfe“
(und nicht als "Falthilfe") zu verstehen ist.

Die oberflächliche Rückenlinie, die an der Hinterseite der Hinterbeine direkt über der Hufkapsel beginnt und ihren Verlauf über die Rückenmuskulatur bis in die Oberhals- und Genickmuskulatur nimmt, geht in der Kiefergelenksregion aus der kleinen Kaumuskulatur (m. temporales) unmittelbar in die Kaumuskulatur des Unterkiefers (M. masseter) über , die bereits zur oberflächlichen Bauchlinie gehört, die wiederum an der Vorderseite der Hinterbeine direkt über der Hufkapsel endet. Durch diese Verbindung sind diese beiden großen oberflächlichen Zugbahnen ununterbrochen miteinander verbunden und kommunizieren hinsichtlich ihrer Spannungsentwicklung miteinander.
An der zentralen „Umschlagstelle“ in der Kiefergelenksregion hat das Pferd bei erhöhtem Spannungsbedarf (beispielsweise geritten werden) durch Anlehnung die Möglichkeit, das Gesamtsystem zu spannen, vorausgesetzt, es findet keine Manipulation in eine Richtung statt. Stellt man sich eine Partnerübung vor, in der man sich auf dem Schwebebalken an den Händen hält und versucht, ein gemeinsames Gleichgewicht zu finden, hat man eine Idee vom Zusammenspiel der langen Faszienzugbahnen und von der Veränderbarkeit von Druck und Zug. Das Bild ist sehr schön, weil mit durch Übung in der Interaktion zunehmendem Können die gegenseitige Einwirkung ebenso angemessener und geschickter wird wie die jeweils eigene Verarbeitung der Reize! Selbst wenn man nicht nach Harmonie strebt, sondern nach maximaler Belastbarkeit (was bedeutet, dass einen die Trainingsreize immer weniger vom Balken hauen), entsteht bei gegenseitigem Einvernehmen im Außen ebenso ein Bild von Harmonie, allerdings mit wesentlich mehr Abenteuer.

Aber nicht nur die oberflächliche Rückenlinie und die oberflächliche Bauchlinie „treffen“ sich in Kiefergelenksregion. Auch die Laterallinien und die Spirallinien, die enormen Einfluss auf die seitliche Balance und die Schiefe des Pferdes haben, reichen bis in die Kaumuskulatur.

Noch spannender ist die Tatsache, dass die tiefe Bauchlinie bis an das Zungenbein heranreicht. Verinnerlicht das Pferd im Laufe seiner Ausbildung fälschlicherweise, mit der Zunge zu weichen (oder diese seitlich herauszudrücken...), fehlt der tiefen Faszienzugbahn das vordere Pendant zur Spannungsentwicklung und Rumpfstabilisation.
Über diese Zusammenhänge kann man sich viele weiterführende interessante Gedanken machen. Und man kann viel Zeit damit verbringen, genau zu beobachten, wie Zug und Druck konstruktiv miteinander wirken - nicht nur am Zügel, sondern ebenso selbstverständlich gegen den Sattel und gegen den Boden sowie im Schwung der Gliedmaßen und der motorischen Massen.

Nachschlag gibt es sicherlich bei der Gebrauchshaltungskonferenz im November. Diese Konferenz ist eine Live-Veranstaltung mit echten Menschen, echtem Austausch und realen Begegnungen. Deshalb ist es für die Planung durch Falada e.V. wichtig, dass die Anmeldungen von denen, die ihre Teilnahme angedroht haben, demnächst mal im Postfach des Vereins eintrudeln.