Sonntag, 5. August 2018

Referentin Katja Eser

(Pferdeosteopathin, Humanphysiotherapeutin)
über ihre Themen bei der Gebrauchshaltungskonferenz:

Vortrag 1 am Samstag:
Biomechanik und Biotensegrität - ein 'Sowohl-als-auch' oder ein 'Entweder-Oder'?
In meinem Buch "Checkliste Osteopathie Pferd" habe ich u.a. die Details der anatomischen Bau- und Funktionsweise jedes einzelnen Gelenks und der Wirbelsäule dargestellt. Muss ich dieses Buch nun einstampfen, oder lassen sich diese Details mit den neueren Erkenntnissen über Biotensegrität und Faszienbahnen in Einklang bringen?


Vortrag 2 am Sonntag:
Kruppeherein und Travers - Sinn oder Unsinn im Rahmender Pferdeausbildung? Die Seitengänge "Schulterherein" und "Kruppeherein" mit ihren vielfältige Variationen werden als wichtige Bausteine in der klassischen Ausbildung eines Pferdes betrachtet. Unter biotensegralen Gesichtspunkten gehe ich der Nützlichkeit des Kruppehereins auf den Grund: Was sind die Ziele dieser Übung, was passiert im Pferd in dieser Übung?Ist dies mit dem Konzept der Biotensegrität vereinbar und wie lassen sich gegebenenfalls die Ziele auf andere, "pferdigere" Weise erreichen?

In beiden Vorträgen will ich ein paar übliche Bilder und Gedanken über Pferdebewegung ins Wanken bringen und neue Bilder und Gedanken über die gesunde Bewegung und Haltung eines Pferdes ins Universum schicken. Ich freue mich auf die anschließende lebhafte Diskussion!

Referentin Antje Dumrath

(Pferdewirtschaftsmeisterin, Pferdegesundheitstrainerin)
über ihr Thema bei der Gebrauchshaltungskonferenz

"Dafür brennt mein Herz 😊 :
Wie wirkt sich Tensegrität auf die Psyche des Pferdes aus?
Anhand eines Fallbeispiels World Hit ( Wollmaus,Wallach, 29 Jahre alt) lässt sich aufzeigen, wie eklatant positiv die Auswirkungen auf den Ausdruck und die Ausstrahlung eines Pferdes sind, selbst bei einem Pferd im Seniorenalter."

Antjes Herzensthema ist die Wiedererweckung innerer und äußerer Schönheit vor allem bei Pferden, die diese schon verloren hatten.

Freitag, 8. Juni 2018

Nachgedacht

Wenn man, wie ich, das Prinzip "Druck erzeugt Gegendruck" zur Grundlage gemeinsamer Bewegung macht, werden Gebisse nochmals richtig interessant.
Warum?
Die meisten Reiterinnen gehen davon aus, dass das Pferd dem Druck weichen und demnach am Gebiss nachgeben soll. Wenn das Pferd aber nun mit tensegralen Reaktionen Zug mit Zug und Druck mit Druck beantwortet -
Was passiert denn dann?
Das weichende Pferd reagiert auf Widerstand an der Kandare mit Nase zur Brust und Genick runter. Soweit logisch. Das ist aber nicht das, was die Kandare bewirken sollte. Wenn das Pferd Druck mit Gegendruck beantwortet, hebt sich das Genick (der allseits erwünschte höchste Punkt des Pferdes) und die Zunge drückt etwas nach vorne, während der Unterkiefer gegen die Kette drückt.
Mit letzteren Reaktionen sind alle langen Faszienzugbahnen aktiviert!
Ganaschenfreiheit
Damit kommt es auch nicht zu dem Problem, dass das Genick nur durch immer höhere Aufrichtung nach rückwärts der höchste Punkt bleiben kann, während die Ganaschen sich auf dem Unterhals abstützen (was m. E. keinen Deut besser ist als Rollkur). Die Ganaschenfreiheit entsteht demnach ebenfalls durch die aktiven Faszienzugbahnen.
Leichte Zügelführung
Eine sanfte Zügelführung, der das Pferd nur ganz wenig weicht, lässt das Pferd dennoch in die falsche Richtung arbeiten und kollabieren. Weichen bleibt Weichen! Eine sanfte Zügelführung, die das Pferd zu einem ebenso sanften Gegendruck auffordert, wirkt hingegen stärkend auf den ganzen Pferdekörper.
Und weil die Zusammenarbeit bisher so schön war, hier wieder die Erklärungen von Maike Knifka:
So, wie das Pferd durch Stellung, Biegung und Bewegung die Rotationsfähigkeit der Wirbelsäule dazu nutzen kann, Energiespeicherung und Energieentladung in eine tensegrale Aufspannung des Körpers zu transformieren, ist auch eine Anlehnung im Sinne des von Maren beschriebenen Zusammenspiels aus Zug und Gegenzug und Druck und Gegendruck dafür zu nutzen, das myofasziale System positiv unter Spannung zu bringen. Und zwar unabhängig davon, ob eine gebisslose Zäumung verwendet wird, eine Trense, oder ein Hebelgebiss. Eine weichende Reaktion auf die Zügelhilfe verhindert eine tensegrale Aufspannung.
Ein Blick auf die verschiedenen Interpretationen von Anlehnung in der Praxis macht deutlich, dass dem Pferd die positive Aufspannung sehr häufig entweder mit Gewalt oder durch „unterlassene Hilfeleistung“ unmöglich gemacht wird.

Die Verläufe der Faszienzugbahnen geben sehr anschauliche Erklärungen dafür, dass die Anlehnung als „Aufspannungshilfe“
(und nicht als "Falthilfe") zu verstehen ist.

Die oberflächliche Rückenlinie, die an der Hinterseite der Hinterbeine direkt über der Hufkapsel beginnt und ihren Verlauf über die Rückenmuskulatur bis in die Oberhals- und Genickmuskulatur nimmt, geht in der Kiefergelenksregion aus der kleinen Kaumuskulatur (m. temporales) unmittelbar in die Kaumuskulatur des Unterkiefers (M. masseter) über , die bereits zur oberflächlichen Bauchlinie gehört, die wiederum an der Vorderseite der Hinterbeine direkt über der Hufkapsel endet. Durch diese Verbindung sind diese beiden großen oberflächlichen Zugbahnen ununterbrochen miteinander verbunden und kommunizieren hinsichtlich ihrer Spannungsentwicklung miteinander.
An der zentralen „Umschlagstelle“ in der Kiefergelenksregion hat das Pferd bei erhöhtem Spannungsbedarf (beispielsweise geritten werden) durch Anlehnung die Möglichkeit, das Gesamtsystem zu spannen, vorausgesetzt, es findet keine Manipulation in eine Richtung statt. Stellt man sich eine Partnerübung vor, in der man sich auf dem Schwebebalken an den Händen hält und versucht, ein gemeinsames Gleichgewicht zu finden, hat man eine Idee vom Zusammenspiel der langen Faszienzugbahnen und von der Veränderbarkeit von Druck und Zug. Das Bild ist sehr schön, weil mit durch Übung in der Interaktion zunehmendem Können die gegenseitige Einwirkung ebenso angemessener und geschickter wird wie die jeweils eigene Verarbeitung der Reize! Selbst wenn man nicht nach Harmonie strebt, sondern nach maximaler Belastbarkeit (was bedeutet, dass einen die Trainingsreize immer weniger vom Balken hauen), entsteht bei gegenseitigem Einvernehmen im Außen ebenso ein Bild von Harmonie, allerdings mit wesentlich mehr Abenteuer.

Aber nicht nur die oberflächliche Rückenlinie und die oberflächliche Bauchlinie „treffen“ sich in Kiefergelenksregion. Auch die Laterallinien und die Spirallinien, die enormen Einfluss auf die seitliche Balance und die Schiefe des Pferdes haben, reichen bis in die Kaumuskulatur.

Noch spannender ist die Tatsache, dass die tiefe Bauchlinie bis an das Zungenbein heranreicht. Verinnerlicht das Pferd im Laufe seiner Ausbildung fälschlicherweise, mit der Zunge zu weichen (oder diese seitlich herauszudrücken...), fehlt der tiefen Faszienzugbahn das vordere Pendant zur Spannungsentwicklung und Rumpfstabilisation.
Über diese Zusammenhänge kann man sich viele weiterführende interessante Gedanken machen. Und man kann viel Zeit damit verbringen, genau zu beobachten, wie Zug und Druck konstruktiv miteinander wirken - nicht nur am Zügel, sondern ebenso selbstverständlich gegen den Sattel und gegen den Boden sowie im Schwung der Gliedmaßen und der motorischen Massen.

Nachschlag gibt es sicherlich bei der Gebrauchshaltungskonferenz im November. Diese Konferenz ist eine Live-Veranstaltung mit echten Menschen, echtem Austausch und realen Begegnungen. Deshalb ist es für die Planung durch Falada e.V. wichtig, dass die Anmeldungen von denen, die ihre Teilnahme angedroht haben, demnächst mal im Postfach des Vereins eintrudeln.

Dienstag, 29. Mai 2018

Neues vom Scheckenheld

"Meine Trainingspartnerin war sechs Tage fort. Musste daher mit dem Fuchs trainieren. Auf dem Sandplatz. Weil die Koppel zu nass war. Heute endlich war sie wieder da. Bin froh, dass sie wiedergekommen ist.
Ich hatte gut geübt und mir über viele Aspekte unserer Arbeit Gedanken gemacht. Wir waren beide gut drauf und nach zwanzig Minuten hatten wir alle Themen durch. Super gut. Beide total zufrieden. Gab ausnahmsweise sogar Leckerwürfel von oben.
Dann ist mir plötzlich aufgefallen, dass sie doch jetzt nicht schon Feierabend machen will?! Das hat mich so erschreckt, dass ich einen echten Wachmacher hingelegt habe. Hat mir weitere vierzig Minuten Trainingszeit gebracht. Was man kann ist ja langweilig. Mich interessiert mehr so das, was ich nicht kann. Terre a terre und Piaffe zum Beispiel. Geht beides auch rückwärts, was ich motorisch sehr interessant finde. Ist aber unerwünscht."

Mittwoch, 16. Mai 2018

Faszienzugbahnen, Atmung und Bewegung

Es ist ein schwieriger Balanceakt, wichtiges Wissen auch an interessierte Nichttherapeuten zu vermitteln und gleichzeitig in den Beschreibungen genau zu bleiben. Maike Knifka und ich stellen uns der Aufgabe, ihr findet hier ihren Originalvortrag (schwarz), den ich an manchen Stellen zum besseren Verständnis ergänzt oder umformuliert habe. Dazu kommen meine eigenen Erfahrungen zu diesem Thema in roter Schrift. Wo ich mich vor zehn Jahren noch gewundert habe, sind die Zusammenhänge heute klar und erklärbar:

Der Zusammenhang zwischen Bewegung und Atmung, zwischen Bewegungsqualität und Gesundheit sowohl des Bewegungsapparates als auch der Organe und der Psyche muss mehr Beachtung finden. Und zum Behandeln gehört auch das Training – ein Training, das sich deutlich von dem unterscheiden muss, das zu den Problemen geführt hat.

Montag, 14. Mai 2018

Gebrauchshaltung - Antworten

Da ich sehr oft gefragt werde, "wie es denn sein soll", werde ich anhand einiger aktueller Bilder vom Scheckenhelden erklären, worauf es mir ankommt. Es ist sicher nicht alles "richtig", aber einige für mich wesentliche Punkte kann man bereits erkennen:
 
Bei diesem Foto gefallen mir vor allem der für diese Phase sehr stabile Fesselstand und das adrett geschlossene Lumbosakralgelenk mit dem optisch weichen Übergang zwischen Kreuzbein und Lendenwirbelsäule. Und natürlich das Wetter. Deshalb ist es auch Titelbild auf Facebook geworden.
 
Die nächsten Bilder sind eigentlich "Take Outs", weil wir weder Schulhaltartiges üben noch Levaden oder Terre á terre. Diese Bilder haben sich in meinen Kontrollvideos gefinden und sie "erzählen".
 
Mir gefällt links: Sitz gegen den Hinterfuß. Gleich geht es vorwärts. Hinterhuf unter dem Kniegelenk statt unterm Bauchnabel ermöglicht volle Kraftentfaltung (Will ich das?). Die Hankenbeugung ist als Diskussionsergebnis zu sehen.
 
Unten links: Hankenbeugung, geschlossenes LSG und mein Sitz. Was mir nicht gefällt: Der Weidebauch und die fehlende Präsenz in der Unterlinie, die im ersten und im letzten Foto durchaus zu finden ist.
 
Unten rechts: Terre á terre bis wir uns auf den Galopp geeinigt haben. Das Pferd hat etwas zu viel Energie, aber Körperkontrolle.
 

















Ihr werdet es nicht glauben, aber dieses letzte Bild, das die gefürchtete Einbeinstütze vorne im Galopp zeigt, gefällt mir am besten:

Das Genick ist immer noch der höchste Punkt, die Nase deutlich vor der Senkrechten und der Widerrist nicht wesentlich tiefer als die Kruppe. Knie- und Hüftgelenk sind gebeugt, das LSG neutral und vor allem ist der Fesselstand des Stützbeines optimal. Die Unterlinie ist trotz Weidebauch straff. Nur das Abfußen des rechten Hinterbeines ist leicht verzögert, aber das kriegen wir auch noch hin!
Alle Fotos (c) Maren Diehl


Und hier noch der Link zur Gebrauchshaltungskonferenz im November in Klingenmünster: http://www.falada-ev.org/veranstaltungen.htm

Donnerstag, 10. Mai 2018

Ebenfalls fluffig


Der Scheckenheldpapa in Aktion. Sehr schön zu sehen, dass die Wirbelsäule der Reiterin und das Stützbein des Pferdes beide gleich zeitig senkrecht sind und das Pferd nicht droht, auf die Nase zu fallen, sondern mit dem Körper dem Kopf folgt.















Fotos (c) Maren Diehl

Konsequent

2017






















Manchmal gibt es beim Reitkurs Momente, in denen man sich fragt, was die Reitschülerin seit dem letzten Kurs so getrieben hat. In diesem Fall war beim Pferd nichts mehr zu sehen von ausgeprägter Einbeinstütze des abfußendenVorderbeines im Trab, der falsche Knick war ebenso verschwunden wie die hüpfende Kruppe,die "Mauligkeit" hatte sich deutlich gebessert und das Pferd wirkte physisch wie psychisch ausbalanciert.
Die Antwort auf meine Frage lautete:
"Ich habe Beritt und Reitunterricht eingestellt und das geübt, was du mir beim Kurs 2017 gesagt hast."

Fotos (c) Maren Diehl

Samstag, 21. April 2018

ELi-Therapiezentrum

Jetzt muss ich doch nochmal etwas zum Veranstaltungsort meines letzten Seminars "Flashmob Dresden" schreiben. Nahezu alle Pferde dort wurden vom Schlachter gekauft, zum großen Teil mit gruseligen Befunden. Nach einer vernünftigen Hufbearbeitung und dem Weglassen von allem, was diese Pferde krank gemacht hat, leben sie nun recht vergnügt auf einem großen Paddocktrail und integrieren auch schwierige, weil nie sozialisierte Neuzugänge souverän. Mit wirklich sparsamen Mitteln wurden die Pferde aus ihrer körperlichen, geistigen oder seelischen Notlage geholt und stehen durch die Bank zufrieden da und auch für die Arbeit zur Verfügung. (Wenn dem nicht so wäre, hätte ich im Bus direkt neben dem Paddocktrail sicher nicht so gut geschlafen.)
Diese Zufriedenheit halte ich für eine wesentliche Voraussetzung für ein gutes (Reha)Training. Dass wir in Sachen Hufbearbeitung einer Meinung sind, soweit sich das in der kürze der Zeit feststellen ließ, ist eine gute Voraussetzung für weitere Zusammenarbeit. Man kann einen Huf nicht perfekt hinstellen, aber eine gute Hufbearbeitung macht für das Pferd eine Tür auf, anstatt es in ungünstigen Bewegungsmustern zu bestätigen oder festzuhalten.

www.eli-therapie.de

Freitag, 20. April 2018

Aha-Effekt durch Hollywoodschaukel

Das Seminar bei Dresden am letzten Wochenende im ELi-Therapiezentrum war super. Hat richtig Freude gemacht, mit tollen Menschen und tollen Pferden. Und mit einer Holzbank-Schaukel.
Um Rumpfstruktur vorzuführen, habe ich mich spontan auf die Schaukel gesetzt (Füße in der Luft, versteht sich) und Friederike aufgefordert, mich an den Händen nach vorne zu ziehen. Die Schaukel hing fast unbeweglich, während ich Friederike zu mir ziehen konnte... Soweit ein toller Vorführeffekt, der die Frage aufwarf "Welche Kampfkunst machst du noch gleich?" *lach*

(c) Maren Diehl
Der diensthabende Trakehner-Mix hat sich als Professor für konstruktive Anwendung des Prinzips "Druck erzeugt Gegendruck und Zug erzeugt Gegenzug" erwiesen. Nachgeben? Never! Aber wenn man genau das auch gar nicht verlangt, geht alles.

Der Lockenwolf war an diesem Wochenende völlig im Glück. So ein tolles Rudel! Und vor allem so eine tolle Lilly! Schade, dass es von den beiden kein Erinnerungsfoto gibt.

Der Scheckenheld wollte wissen, wo ich gewesen bin und woher ich das habe. Man beachte das geschlossene LSG und den Fesselstand.

Vielen Dank an Sandra, Ina, Max, Irko und alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Wir werden einen Termin für ein Praxisseminar finden!

Mittwoch, 28. März 2018

Betrifft: Anmeldungen zur Gebrauchshaltungskonferenz

Sowohl bei mir als auch bei Falada e.V. sind bereits zahlreiche mündliche und schriftliche Anmeldungen eingegangen.
Von diesen Anmeldungen wurden bisher weniger als die Hälfte bezahlt.
Um mit der Organisation klarzukommen, wurde nun beschlossen, dass (1) schriftliche Anmeldungen einen Teilnehmerplatz für zwei Wochen reservieren (danach verfällt die Anmeldung, wenn nicht auf das Konto von Falada e.V. eingezahlt wurde), dass (2) mündliche Anmeldungen uns zwar erfreuen, jedoch keine Gültigkeit haben und (3) auch Zusagen zur FB-Veranstaltung wie (1) behandelt werden.
Ich hoffe daher ganz arg, dass ihr eure Anmeldung durch die Überweisung vervollständigt und ich all diejenigen, über deren Interesse ich mich sehr gefreut habe, auch wirklich auf der Konferenz sehe.
Danke euch!

Montag, 26. Februar 2018

Neues vom Scheckenheld - Die Rückfahrt

Die erfolgreiche Hängerfahrt (150 Meter) von letzter Woche haben wir heute wiederholt. Einsteigen auf der Mistplatte, aussteigen vorne im Hof. Hänger wenden. Wieder einsteigen.
Schlau, dass wir nicht weit gefahren sind (bis Hamburg oder so). Denn woanders wieder einsteigen ist noch nicht geübt. Aber wir haben geübt, wie man übt. Daher konnten wir das Einsteigen für die Rückfahrt recht zügig üben, ohne das klassische "wie der Ochs vorm Scheunentor stehen". Einsteigen, aussteigen, einsteigen, ein Maul voll fressen, aussteigen, gucken, einsteigen, fressen, aussteigen, gucken, einsteigen, fressen, stehenbleiben und die hintere Stange akzeptieren, fressen, fressen, hintere Stange weg, aussteigen.
Übermorgen fahren wir dann in den Süden. 150 Meter vom Hof bis zur Mistplatte.
 
Beim Hängertraining wird vermutlich oft nur das Verladen geübt, aber nicht das Fahren, das Aussteigen, das Wiedereinsteigen und das Zurückfahren. So erklärt sich dann das häufig auftretende Problem, dass die Pferde zwar daheim gut in den Hänger gehen, sich aber nach einem Seminar, Reitkurs oder Turnier nicht mehr verladen lassen. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich nach der ersten Fahrt vergessen habe, das in der Box geparkte Pferd für die Rückfahrt wieder einzuladen. Ich war so froh, dass der Hänger gewendet war, dass ich gleich zum Hängerparkplatz durchgefahren bin. Es wäre zuviel des Guten gewesen...

Erfahrungsbericht

Ich bin Energetikerin und arbeite mit der Cranio-Sacralen Balance. Mein Anliegen ist es immer, das Lebewesen in seiner Gänze zu erfassen und entsprechende Impulse zu geben. So ein Ansatz hat mir in der körperlichen Arbeit mit meinen Pferden immer gefehlt. Die Anwendung der Biomechanik, die ich kannte, war immer so kleinteilig, so linear mit „ich will A, dann mach ich B“. Das hat mir nicht gefallen und eben seeeehr  oft auch nicht funktioniert.
     Mit der Biotensegrity, den Faszienzugbahnen und Maren Diehls Herangehens- und Sichtweise hat sich für mich endlich ein „ganzheitlicherer“ Zugang gefunden! Über die Arbeit mit den übergreifenden faszialen Strukturen komme ich dem Bewegungsgefühl des Lebewesens viel näher. Zudem lasse ich dem Pferd den Raum für eigene Erfahrungen und Umsetzung – wie bei meiner therapeutischen Arbeit mit den Selbstheilungskräften. 
 
Meine Erfahrung ist:
Das Pferd entwickelt sich nicht nur körperlich, sondern im Ganzen als Persönlichkeit. Tier und Mensch finden neue Wege und neue Ansätze, der Blick bleibt offen, der Weg ist spielerischer, ideenreicher, abwechslungsreicher, gegenseitig aufmerksamer. Der eigene Blick und die Empfindung für die Bewegung des Pferdes werden geschult.

Konkrete Punkte, die für mich Augenöffner waren:
Die Aufteilung in die Funktionalen Einheiten FE I und FE II und der Ansatz, speziell die Vorhand in die Arbeit zu bringen und den Fokus von der untergreifenden Hinterhand mit gesenktem Hinterteil mal wegzunehmen. Das war für mich ein echtes Raus- aus-der-Sackgasse bei meinem Araber!
Die Bewußtheit über das Schlängel-Gefühl bei der Bewegung der Wirbelsäule und der Einsatz dieses Bildes bei der Arbeit war der Durchbruch zu einem entspannteren Rücken bei meinem ShagyaWB.
Das Verständnis über die Auf- und Entladung der Struktur bei Zug und Druck und das Ziel einer tensegralen Struktur, den Raum zu behaupten, ist ein völlig neuer Zugang, der aber eine ganz andere Arbeits- und vor allem Bewegungsqualität erzeugt. Ich merke zudem deutlich, daß die Strukturen weniger be-, geschweige denn überlastet sind.

Zudem teile ich Marens Ansicht, daß das LSG sich im Galopp zur Kraftphase der Hinterhand hin schließen muss, damit der Kraftschluß erhalten bleibt, wenn der Galoppsprung korrekt durchgeführt wird.

Auch in meiner therapeutischen Arbeit am Pferd/Hund etc konzentriere ich mich noch mehr auf die Faszienzüge und die Verbindung der knöchernen/muskulären Strukturen über das Fasziengewebe.

Die Erfolge sind sichtbar!
Barbara Quiehl-Masmeier

Freitag, 23. Februar 2018

Neues vom Scheckenheld: Hängertraining - Hinfahrt

Der Scheckenheld und der Hänger haben ihre erste gemeinsame Fahrt überlebt. Von der Mistplatte durch die Stallgasse in den Hof. Sorgen hatte ich mir ja primär um den Hänger gemacht. Aber "Warte!!!!" funktioniert wirklich gut. Das gibt mir Zeit und Luft, alles aufzumachen, was kaputtgehen kann, wenn ein Schecke rückwärts durchpanzert.
Das Pferd war der personifizierte Stolz, als es dann, noch auf der Hängerrampe stehend, seine Leistung trötend der Welt kund tat.  Machen wir morgen nochmal (Plan).
 

Freitag, 16. Februar 2018

Neues vom Scheckenheld - Hängertraining

Hängertraining

Der Held geht frei auf den Hänger. Wiederholbar. Steht. Ich darf den Riegel einhängen. Futter nachlegen. Klappe zumachen. Freundliche Worte. Ziemlich lange zu lassen. Bis das Futter alle ist und Fragen kommen. Warte! Klappe wieder auf. Klaps auf den Hintern, damit, wie geübt, selbiger die Stange freigibt. Keine Reaktion. Weder mehr Stress, noch freie Stange. Der Blick, mit dem ich bedacht werde, signalisiert, dass etwas nicht richtig ist. Ach ja, sonst habe ich - um Befreiungsschläge abzuwenden, meine Chancen zu verbessern und das Pferd von der den Fluchtweg versperrenden und die Selbstbestimmung einschränkenden Stange abzulenken - erst nochmal eine Hand voll Mais vorne auf die Platte geworfen. Kaum geschehen, gibt der Hintern die Stange frei, ich kann sie heraus nehmen und das Pferd schreitet geordnet rückwärts vom Hänger. Dass selbiger jetzt angehängt ist und woanders steht, ist nicht relevant. Eine Änderung im Ablauf geht jedoch üüüüü.ber.haupt.nicht. *lach*

Man muss dazu wissen, dass der Held immer noch überzeugend erklärt, dass er sich, wenn man nicht schneller wird, durch gezielte Zerstörung des Hängers selbst befreit. Aaaaaber .... er wartet schon ziemlich lange, bevor er Ernst macht. Am Montag werden wir mal ein paar Meter fahren.

Bei seinem Papa ist alles noch viel spannender. Der findet Mais nicht besonders erstrebenswert, Leckerli und Zucker bringen es ebenso wenig wie Karotten. Heute habe ich aber herausgefunden, dass er die Peitsche gerne töten möchte und versucht, draufzutreten. Das üben wir jetzt mal ganz entspannt - töten auf Kommando ist erlaubt. Bin mir sicher, dass wir damit die Füße auf die Klappe bekommen!

(Da die Chancen, ihn auf den Hänger zu bekommen, im absoluten Minusbereich stehen, habe ich einfach mal geübt, mit der Peitsche völlig wertfrei, ohne Stress und Schimpfen, komische Sachen zu machen. Für jede aus seiner Sicht natürliche und sinnvolle Reaktion habe ich ihn gelobt, um klarzumachen, dass wir uns nicht streiten, sondern forschen. Fand er ziemlich spannend! Und ich werde mir anhand seiner Reaktionen einen Plan stricken.)

Mittwoch, 31. Januar 2018

Neues vom Scheckenheld

Wir gehen jetzt ins Gelände, und da die Reiterin vom Scheckenheldpapa gerade ausfällt und der Lockenheld noch zu klein ist, gehen wir alleine. Klappt. Gut.
 
Aber immer wieder Situationen zum Schlapplachen. Ich habe einen Weg gefunden, der sehr übersichtlich ist, wenig Überraschungen bereithält (zwischen leeren Äckern, die zwischen leeren Äckern liegen, auf der Höhe mit Blick auf zwei parallel verlaufende Straßen in jeweils einem Kilometer Entfernung) und eine Runde erlaubt. Der Plan ist, jetzt mal alle Gangarten reiten zu können. Da brauchen wir nix Neues am Weg.
 
An einer Stelle der Runde schaut man genau auf den etwa einen Kilometer entfernten Bahnübergang. Am ersten und am zweiten Tag auf dieser Runde hat jedes Mal das Signal angefangen zu leuchten und zu bimmeln. Dann kam der Zug. Das ist spannend, weil der erst mit großem Getöse angerauscht kommt, dann hinter dem Supermarkt verschwindet und hinter diesem sehr plötzlich wieder hervorgetöst kommt.
 
Der Scheckenheld hat sich das ganz genau angeschaut und abgespeichert.
 
Heute dann blieb er kurz hinter der besagten Stelle wie angewurzelt stehen, WEIL KEIN ZUG KAM. Der Speicherprozess dauerte fast noch länger als an den ersten beiden Tagen. (Mara meinte, er habe vermutlich darüber nachgedacht, ob man einen Zug genauso ausbremsen kann wie ein Auto...)
 
Macht aber nix, weil wir jetzt im Schritt die meiste Zeit am langen Zügel gehen, stehen bleiben wenn was komisch ist (anstatt nach Hause rennen zu wollen um in der Box über das Problem nachzudenken) und immer wieder fröhlich und stressfrei traben (und durchparieren) können. Sogar auf dem Heimweg. Und bergab.

Der neue Sattel hat zwar keine Probleme gelöst, aber immerhin auch keine neuen geschaffen. Man kann ja auch mal Glück haben!

Sonntag, 14. Januar 2018

Gebrauchshaltungsseminar in Kärnten

Ein neues, sehr spannendes Thema mit einem umstrittenen Titel.

Bislang habe ich keinen anderen Begriff gefunden, der so klar ausdrückt, worum es geht, sobald man einfach die vielen möglichen negativen Interpretationen weglässt. Die Gebrauchshaltung ist die Ausrichtung, die ein Pferd im Stand und in Bewegung zeigt, wenn es den bestmöglichen Gebrauch von seinem Körper und seinen Fähigkeiten macht, um einen Reiter zu tragen. Die Gebrauchshaltung des Reiters ist diejenige, die ihm den bestmöglichen Gebrauch seines Körpers in der Zusammenarbeit mit dem Pferd ermöglicht…

Diese Gebrauchshaltung ist kein starren Konzept, keine Form, in die Pferd und Reiter gezwängt werden. Gebrauchshaltung ist ein Ergebnis.

Um dieses Ergebnis der Ausbildung einschätzen zu können, kann man die Veränderung bestimmter Linien im Laufe der Zeit betrachten. Diese Veränderungen der Linien und des Verhältnisses verschiedener Punkte im Pferdekörper zueinander lassen Rückschlüsse auf die Qualität der bisherigen gemeinsamen Arbeit zu.

Dieses Seminar ist für alle Reiter gedacht, die sich über die Auswirkungen ihres Reitens auf das Pferd Gedanken machen und eine Baseline erstellen wollen, an der sich später die Veränderungen erkennen und einschätzen lassen.

Es geht nicht um gut oder schlecht. Es geht um eine Bestandsaufnahme, die sehr einfach gehalten oder sehr ausführlich dokumentiert sein kann - je nach persönlichem Wissensdurst.

Im Seminar werden die verschiedenen Linien und Verhältnisse sowie die Bedeutung der jeweiligen Entwicklung erläutert. Welche Linien sind relevant? Was sagen sie aus? Wo entwickeln sich pathogene Bewegungsmuster? Wo haben die pathogenen Muster sich aufgelöst?
Die letzteren Fragen sind auch für TherapeutInnenen sehr interessant.

Dazu kommen die Anforderungen an die Dokumentation und das Bildmaterial, damit ein Vergleich überhaupt möglich ist. Anhand von Einzelbildern, denen der Zusammenhang zur vorangegangenen und der folgenden Bewegungsphase fehlt, ist es kaum möglich, relevante Aussagen zu machen. Daher werden auch die einzelnen Bewegungsphasen definiert und zueinander in Verbindung gebracht.

Die Idee zu dieser Arbeit habe ich mit einigen fachkundigen Menschen besprochen, wobei einige der Meinung waren, “Leute” könnten mit dieser Idee nicht umgehen und würden dann versuchen, das Pferd wiederum in eine Form zu pressen. In meinen Versuchsseminaren 2016 habe ich jedoch die Erfahrung gemacht, dass “Leute”, vor allem wenn sie bereits das Seminar “Biotensegrity - Biomechanik aus der Sicht des Pferdes” absolviert haben, genau die richtigen Fragen stellen. Und mich genau so verstehen, wie ich verstanden werden möchte.

Also: Leute, ich freue mich auf euch!
Ganz prima: Es stehen vor Ort Pferde zum Reiten und Longieren bei gleichzeitiger Buchung der Unterkunft kostenlos zur Verfügung. Mit Fragen wendet euch bitte an Sabine Reifenrath, reitschulereifenrath@gmail.com.

30.April-1.Mai 2018 auf dem Petschnighof, Diex 6, in 9103 Diex, Österreich
250€ plus KaffeeKeksAnlagenpauschale. Übernachtung und Schulpferde vor Ort zu buchen.
Anmeldung bei: marendiehl(at)aol.com

Montag, 1. Januar 2018

Thoughts about directions of rotation in the spine of riding horses when bending

Previous discussions have revealed a need to clarify some terminology in advance. Firstly there is the difference and the connections between rotation and torsion, secondly about how the directions of rotation are defined. Lastly, it is also important to consider the different ways of looking at spinal structure. This is where the fascia lines come into play.

Since Maike Knifka and I look at it from different perspectives - she as a therapist and I as either a rider or a horse - as needs arise - we explain in different terms with different emphases. If you want to do out-of-the-box research, you have to have a „multilingual" understanding of the concepts. That's why we wrote this post as an exchange. As a result Maike’s text is green and mine is black. Lesley Osborne did the translation, thanks for that! So there are fewer "funny words"...

Rotation or torsion?

The rotation of a body part in a tensegral structure always leads to torsion of other areas. A simple example of understanding rotation and torsion is wringing a towel. You rotate the two ends of the towel against each other and torsion in the towel is the result. (Thanks to Maike Knifka for this likeness.)

Rotation describes turning around an axis. Torsion is the strain arising in an axis when a rotating element is connected to it at one end and the other end of it is fixed, or when each end of the axis rotates against the other.

Our imagination gives us the ability to define very differently which body parts rotate, where imagined fixed points are, where torsion takes place - and how the system releases itself again.

The directions of rotation

The definition of the directions of rotation in the torso is difficult because therapists view the direction of rotation differently from me and also to most non-therapists I've spoken to about it so far.

Therapists refer to the direction of movement of the sternum during rotation (i.e. on the vertebral base). If the sternum moves to the right, it is rotation to the right. As a result, from the therapist's perspective, the pelvis rotates to the right as the right hip lifts. I would call this movement a rotation to the left, looking at the pelvis like a wingnut at the back of the spine.

“How do you mean?” asks my piebald. I offer both views and ask for feedback from my readers!
 
As shown in the following text, I see the thoracic vertebrae in the area of ​​the true ribs (2) as the stablest, least moving vertebra and with the least rotation relative to the line representing the combined forces of gravity and turning (called hereafter the „plumb line of motion“). If I define my point of reference here and at the same time stick to the idea with the wingnut on both ends of the spine, the sacrum rotates in my mind to the right as the right hip lowers. If the torsion following the idea of the towel goes through the entire spinal column, the cervical vertebrae (wingnut in front) now rotates to the left.

In a right bend of the horse, the downward movement of the inner hip is more emphasized than the outer, bearing in mind that it is a tendency within the sequence of movement and not a rigid setting.

Tensegrity by torsion between atlas and pelvis

Dear Maren, I can understand the image of the wingnut as a symbol of the pelvis as a "rotary engine" very well. In my imagination too, the alternating movement of the hind limbs in the pelvis initiates an "oscillating propeller movement", i.e. rotation in a continuous change of direction. The counterpart of the "pelvic wingnut" for me is the atlas. Under optimal tensegral tension in bends, the front wingnut always rotates contrary to the wingnut at the back. Exactly the same as wringing out a towel by counter-rotating movements.

My idea is that in your example of the right bend with the pelvis tending to drop lower on the right side, not the entire cervical spine rotates, but rather the distinct counter rotation of the atlas takes the first cervical vertebra with it in its direction of rotation and somewhere along the line a gradual reverse in the pelvic rotation direction takes place.


Looking at the spine as a whole (see picture above), viewed from the sacrum, all of the vertebrae rotate a little (!) to the left in relation to their predecessor. From the perspective of the spine, there is no reversal of rotation. But from the point of view of the rider or any reference point in the spine there is (see below!).

“Let’s go a ride out”, says my piebald, “this is too complicated for me”.

The old principle of "no bend without position" is basically an acknowledgement of tensegrity, because the aids of the rider in positioning the poll in the bending direction lead to counter-rotation of the atlas thereby stabilizing the overall system.

Perceived connections

Anyone who is able to imagine putting themselves in the horse’s place during movement can comprehend that it will definitely be more comfortable if the saddle and rider's weight can be carried in the plumb line of motion and the power of the front legs can be directed against the total load. Since the horse with progressive training in trot and canter on curved lines should become increasingly agile and show less leaning angle, the thorax must therefore be carried more vertically (next post ...), while thrust alignment becomes more and more direct by the change in pelvic position.

Accordingly, the rotational movements of the spine flow into the loading and unloading of the haunches. The "sitting deeper on the inside" on curved lines, which is mentioned in most riding styles, but which is rarely seen, is therefore caused by the spinal rotation of the rear thoracic vertebrae and the lumbar spine and the resulting sinking pelvis, or the other way around through the torsion resulting in the spine caused by the pelvic tilt. In a powerful horse, however, you feel not only the charge, but also the discharge of the inner hind leg in the direction of movement.

The latter leads to the fact that one no longer asks whether the spinous processes tilt inwards or outwards - they move forward in the direction of movement like a shark's fin. Looking at the horse's body as a tensegral structure, the horse charges itself in the respective directions of rotation, the bones swing in the fascia net.

Strictly speaking, as a rider we do not influence the exact position of the individual bones, rather the movement amplitudes, which change in relation to each other, as well as in the relation of different parts to each other ...

Suppleness

Basically, not just the horse must be supple, but much more so the rider. This is maybe an unusual idea. But the rider sits between these two imaginary wingnuts and must allow and support the balanced tensegrity of the entire horse's body (and of their own body!) with the correct inner images and guidance you describe. The consequences of the collapsing entire system caused by the rider are manifold and well-known.
... because suppleness is often confused with being loose and physical activity of the rider often means "impact" rather than presence.

The diaphragm as part of the musculoskeletal system

The central linking structure between "behind and front" is the diaphragm of the horse, which stretches under the rider. The rider’s breathing therefore also assumes an important function with regard to suppleness.
With the big subject of diaphragm and breathing I drift away from the original subject "directions of rotation" (but move effectively towards advertising: This will be one of the topics of the Gebrauchshaltungskonferenz!), but without a harmonious and stable body core the horse lacks the possibility of aligning itself to the plumb line of motion and the danger of deviation from the desired direction of thrust power is great, so that the diaphragm should probably be included in thoughts about the directions of rotation. This topic can certainly be explored further elsewhere (see above).
 
"It's hard to concentrate on the translation because the topic is so interesting!" - Curtis
 
... On a bend, the amplitudes change so that the inner inclination of the pelvis becomes slightly stronger than the outer and the inner hip lowers. However we have to remember that this only works if the lumbosacral transition is closed / stretched and the knee and hip joints bend under load. If the lumbosacral transition is open / flexed, the croup rises and reaches its highest point in the middle of the supporting leg phase of the inner hind leg.

"This is something you might have covered in a previous article (I can't quite envision it), but your anglophone readers won't have read it."  Sorry, we`ll translate that one too.

The sacral bone at the rear of the torso shows the sum of the movement amplitudes of the rear thoracic and lumbar vertebrae with each step and constantly changes the direction of rotation, as shown by the pelvic movement. Or do the vertebrae connections dampen the torsion produced by the charging and discharging of the haunches in the spine?

As soon as the pelvic rotation towards the inside becomes too strong, the sacrum and thus the outer hind leg dissociate and the horse “falls out over the outer shoulder", because the outer hind leg can no longer provide directional thrust. The spine can no longer handle the torsion and "deviates".

Conversely, you could argue that the pelvis dissociates if the entire torso structure does not sufficiently integrate the torsional forces. Here we arrive at the necessity of training the core structure and the deep torso lines (fascia lines).

Stabilizing "rear-wheel drive"

The impulse for useful tension must come from the hindquarters. The alignment of the forces developed here goes forward and upwards in the direction of the atlas and poll. The resulting torsion persists in the entire tensegral body structure and finds its stabilizing and limiting counterparts in the opposite rotation of the atlas. Ideally, riders will feel a stable system beneath them, characterized by a noticeable shark-fin-like forward movement, as you call it.

Since tensegral structures in the horse are so varied, there are not only different magnitudes of rotational amplitudes and directions, but also different strengths and load bearing capcities. The better the horse uses its body, the more stable the torso area becomes under load, while the neck feels lighter and more mobile. This may be consistent with Steinbrecht’s experience, who repeatedly warned against working the horse's neck loosely before it has developed sufficient strength. Because a neck with a light feeling only feels that way because it is well connected to the torso and the torso is guided by the neck.
 
.. Overall, all the characteristics that a horse shows, which develops its power from the hindquarters and transmits it forwards via the pelvis and sacrum. The hindquarters are therefore responsible for the forward movement, the forehand for the upward movement. Without power from the hindquarters, the system collapses and the forehand must inevitably participate in the forward movement by pulling forward.

Perspectives

In order to be able to classify the relationship correctly, one should know the different ideas of what and how a spine is. Different views lead to different conclusions.

(1) The spine as a loose chain of vertebrae
This image offers too many possible directions of movement, bending and torsional stiffness is too low. A structure like this is not resilient. > Horse not rideable

System collapse due to hypermobility

During the motion assessment of a horse when I say (admittedly with a wink) that the horse is not stiff enough for me, I am amazed to see surprised faces. Anyone who thinks "tensegrally" knows immediately what is meant, but very often I come up against a rider's desire for more agility, more flexibility, etc. The horse is described as stiff and "fallen apart".

During movement these horses don’t lack flexibility, but power development from the hindquarters and the possibility of power transmission to the overall system. The hindquarters lack "forwards" and the forehand "upwards". Focusing on bending ability without focusing on system stabilization and power direction, in my opinion, leads to even more wobbly, meandering and powerless movements, and straight into the pathological motion phase shift you describe in your second book so aptly.

For me, clearly visible spinous process movements, sternum displacements and strong pelvic tilt during movement are always a sign of collapse of tensegral structure in the sense of interaction of tension elements (myofascial system) and pressure elements (skeleton) and a negative expression of mobility or even elasticity. Elasticity arises from the fact that the soft tissue can use the bones for stretching. This idea makes clear that the skeleton must always remain in the plumb line of motion, otherwise turbulence will arise in the system.

I think that torsional forces arising from pelvic rotation are ideally distributed across the entire spine, where they are organized and used by the smallest vertebrae rotations of "in and against each other". These small movements are maintained even when emphasized directions of movement take place in bends.


(2) Axis on which vertebrae are lined up
If you imagine the spine as an axis on which the vertebrae are lined up, it is conceivable that individual vertebrae twist on the axis within their natural range of motion against another, which inevitably happens when you want to bend an axis, without allowing rotation. The horse follows the picture that the rider has of it in his head – otherwise I cannot explain so many different types of movement! Thus little physiologically meaningful bending is possible, load bearing capacity is low. > Horse rideable but constantly in need of treatment.

(3) Tensegral structure
Together, the vertebrae form a flexible, rigid and torsion-resistant structure in which positive, strengthening torsion is exerted by rotation of the pelvis. Very important here is the property of tensegral structures to respond to pressure or tensile load with rotation and immediately become stronger and more resilient under load by torsion, without cramping. Bend and rotation always belong together here and are mutually dependent on each other. > Horse very resilient, but not ridable when working with inappropriate movement patterns..

Reference vertebra
 
Earlier, I introduced the term "reference point" or "reference vertebra" to find a way to define the orientation of the spiraling spine in space. The reference point always refers to the vertebra in the plumb line of motion - and this can only be one of them in a physiologically useful spiraling spine over its entire length. At least in a horse, a snake is different.

Let's take one of the thoracic vertebrae in the withers area as reference point: Regardless of how tiny the rotation of one thoracic vertebrae to another is, there can only be one vertebra in the plumb line of motion. All of those in front of it rotate in one direction with respect to this vertebra, and all of those behind it rotate in the other direction. Although the direction of rotation of all vertebrae to their respective predecessor is the same.
 
If the reference point is in the last lumbar vertebra, all of the vertebrae in front of it rotate in the same direction with respect to this point, albeit in terms of precursors and successors to a different degree in different spinal regions. So if the pelvis is level, the spinous processes tilt to the side and the cervical vertebra rotate even further in the same direction.

If the third neck vertebra is vertical, the spinous processes lean sideways and the pelvis tilts even further in the same direction.

Theses:

Based on the information available to us and my work with the feeling of motion in connection with traction engagement, we would like to advance the following theses:

(1) If the horse is set very low  (horses nose below the hip-cervicothoracic line), the rib cage rotates in relation to the pelvis (or with the pelvis, then the outer hind leg lifts off) with the spinous processes inward. The outer hip rises. The cervical vertebrae rotate inwards **. (The vertical reference point / vertebra within the spiraled spine is located in the sacrum or behind the sacrum.)

That’s how I see it too and I would say that here the pelvic and atlas rotation take place the wrong way round in the sense of tensegral power transmission. The horse doesn’t move so to speak "from behind to forwards upwards", but "forwards to forwards-downwards". The question now is also how the myofascial lines behave in the respective body posture patterns.

My observation is that in this case of a deep head and neck position, the horse puts the muscular action base forward in the shoulder area due to the strong emphasis on the load of the forehand. Here I see the spiral line and the lateral line in the foreground. The overloading of the large torso carrier (M. serratus ventralis thoracis) and member of the spiral line causes the loss of overall movement, the muscular action of the torso support and thus the lifting and stabilization of the torso. The direction of power from the front legs and torso carriers are no longer directed against the rider's weight.

Abdominal muscle,
left side of the body,
view on belly bottom
(c) Maike Knifka
Further along the spiral line, the m. obliquus externus abdominis (outer oblique abdominal muscle) works more markedly than the opposing internal oblique abdominal muscle. Thus, the stabilization of the rib cage is at risk and it goes into external rotation in bends (spinous processes inwards, sternum outwards).

I also find the working method of the lateral lines very interesting, especially the very often neglected abdominal skin muscle (m. cutaneus colli), which in the thorax area represents the outermost planar and thick (up to 3 cm!) muscle layer. It is more prominent in the front torso area and strongly involved in lateral balance. When a horse is heavy on the forehand this muscle is in my opinion not sufficiently stretched from the rear movement base (hindquarters) and cannot develop its stabilizing effect.
As I understood the first study by W. Södring-Elbrond, the lateral lines are best balanced with their intersecting features in a medium head and neck position. That would be another topic for a post. : D

(2) If the horse shows a high head and neck position and at the same time a downward sloping hip-cervicothoracic line, the pelvis rotates with the inner hip up, the spinous processes point outward. The cervical vertebrae rotate inwards **. (The vertical reference point / vertebra within the spiraled spine is in the middle of the cervical spine.)
 
In a high head-neck position with low-lying cervicothoracic transition, an extension position prevails in the spine, which usually leads to a compensatory steepness of the pelvis. Either with lumbar spine in extension, or very often also in flexion. The steep position leads to flexion, or opening of the lumbosacral transition. For me, this posture always represents a complete collapse of the myofascial lines with loss of the desired forward and upward movement. In the collapsed lumbosacral transition, the power transfer, especially the spiral line opening into the superficial dorsal line and the dorsal line itself is hampered due to a lack of traction engagement.

(3) If the cervicothoracic transition and hip are in line with the horse's mouth

(3) If the cervicothoracic transition and hip are in line with the horse's mouth (or at least on a horizontal line), the rib cage remains in the plumb line of motion, the pelvis tilts inward and the cervical vertebrae rotate outward ***. (The vertical reference point / vertebra within the spinal column is in the thoracic area in the region of the true ribs.)
 
Ideally, a closed lumbosacral transition in neutral position ensures the work of the lines and vice versa muscular active work of the lines ensures power transfer in the lumbosacral transition. This becomes particularly clear if you look at how much the lumbosacral transition region is spanned by muscles and fasciae. My picture here is that this is only possible if the action base for forward movements is at the back and that for upward movement is at the front. Only the vigorous forward movement out of the rear action base allows the front base to have a righting, muscular dominant, supporting motion. Successful interaction preserves the physiological movement phases of the limbs. The spine and ribcage remain in balance and, as an almost "stabilizing pole", they enable balanced muscle action, in whatever form. For the transmission of motion these lead to an essential positive "stiffening" of the spine.

Looking at uniformly trained horses according to a particular doctrine, you can come to the conclusion that it cannot be any other way.

If you compare the doctrines with one other, you will find all the above variations and probably a few others.
 
The big question for me is: Is it good the way it is - or is it just the way it is for lack of workable alternatives? Is what I mostly observe good because everyone is doing it? Is the norm, which can be seen everywhere, desirable for me and / or my horse? Why? How does the standard change from riding style to riding style? What do powerful, cooperative movement-competent horses have in common?

* In November 2017, Maike Knifka did advanced training with Wiebeke Södring-Elbrond on the deep fascia lines of the horse, which also included a post-mortem examination. I am glad that these lines, the existence of which I presumed when writing "Beyond Biomechanics - Biotensegrity", are now also proven.

And what does the neck do?

The direction of rotation must run opposite to my definition of the bend here, so bending to the left, rotation to the right. (So ​​that our towel does not have to change direction right in the middle.) That's the way it feels when riding, when it's really good. My piebald agrees, we’ll describe it in the next post. Or in the one after that. Rotation of the neck in bending direction **** we have when scratching behind the ear with a hoof. The sacrum then rotates against the bending direction ****, the inside of the pelvis rises ...

Dechaotisation of directions:

** Therapist's view: cervical vertebrae rotate outward
*** Therapist's view: Cervical vertebrae rotate inwards
*** Therapist view: left rotation, the underside of the cervical vertebra moves to the left
**** From the therapist's perspective against the bending direction, sacrum in bending direction

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Wieso, weshalb, warum...

... es wichtig ist, gelegentlich ausführlich über schwierige und komplexe Themen zu schreiben:

Mein letzter Post hat mir (mal wieder) gezeigt, dass es so viele Texte gibt wie Leser. Das ist jetzt vermutlich ein Quantenkonzept. *lach* Es ist ganz erstaunlich, dass ein Text so unterschiedliche Reaktionen erzeugen kann.

Erfreulich sind natürlich die vielen Rückmeldungen von Menschen, die sofort anfangen, sich mit den dargestellten Thesen zu befassen, um sie durch ihr eigenes Erleben bestätigen oder widerlegen zu können. Hier entsteht häufig ein sehr fruchtbarer Austausch und vor allem ein kreativer Prozess, der alle Beteiligten weiterbringt. Es zeigt sich eine immense Vielfalt in der Bezugnahme, es gibt keine zwei identischen Interpretationen. (Über die Trolle, die sich meistens als erste und möglichst abfällig äußern, ohne sich auf den Inhalt zu beziehen, schweige ich besser.)

Hier und heute geht es mir um jene LeserInnen, die darum ringen, das Geschriebene zu verstehen - was ohne entsprechende anatomische und bewegungsphysiologische Grundkenntnisse sicher schwer ist - und um die, die sich fragen, was sie mit diesem Wissen denn nun tun sollen.

Ganz grundsätzlich und nicht nur auf das Reiten bezogen gilt, dass es kein Zurück mehr gibt,wenn man erst einmal etwas erkannt hat. Das Erkannte verändert auch ohne unser Zutun die hochkomplexen Bewegungsgefühlsbilder, die wir alle haben. Der Unterschied besteht darin, ob man sich dieser Bilder und ihrer Bestandteile bewusst ist oder nicht.

Anhand eines sehr einfachen Beispiels lässt sich das recht gut nachvollziehen: Erinnert ihr euch an den Moment, in dem ihr erkannt habt, dass die Halswirbelsäule des Pferdes nicht direkt unter dem Mähnenkamm verläuft? Wie oft hattet ihr zuvor schon Bilder vom Pferdeskelett und dem Verlauf der Wirbelsäule gesehen, ohne euch der Bedeutung dieser Gegebenheit bewusst zu sein? Mit Sicherheit einige Male! Seit dem Moment des bewussten Erkennens jedoch könnt ihr nicht mehr mit der gleichen Bewegungsvorstellung reiten wie zuvor. Ihr seid nicht mehr die, die ihr vor dieser Erkenntnis wart. Das Gleiche gilt für die "Radnabe" in der Vorhand. Man kann sie im Ellbogen sehen oder im Schulterblatt.

Bewusstsein in Bezug auf "das, was ist" ist daher kein esoterischer Kram sondern ein lebenslanger Prozess, in dem sich sowohl die Details unseres Weltbildes als auch das Ganze immer wieder verändern. Neue Details sprengen gewohnte Zusammenhänge, sie führen erst zu größerer Detailgenauigkeit und in der Folge wiederum zum Entstehen von neuen "Makros", die die Betrachtung wieder vereinfachen und verhindern, dass wir uns im Mikrokosmos verlieren.

Das Reiten ist für mich an manchen Tagen, als wollte ich über unzählige Verbindungen zahllose Einzelteile wahrnehmen und an anderen Tagen ist plötzlich alles eins und alles gut. Das Bewegungsgefühlsbild zerlegt sich, erneuert sich in einem oder mehreren Details und fügt sich wieder zusammen. Dieser Prozess wirkt auf viele Reiter erschreckend, weil er Gewohntes verändert. Andererseits kann man weder in Bewegungsabläufen noch im wirklichen Leben Einzelheiten verändern, ohne das Ganze zu verändern.

Das Bewusstsein verändert das Geschehen. Das ist keine Floskel. Das ist unter anderem auch die Grundlage für die "inneren" Stile der Kampfkunst. Auf dem Sofa sitzen und meditierend "Bewusstsein" erfahren unterscheidet sich stark vom "sich dessen, was im eigenen und im Pferdekörper geschieht in jedem Bewegungsmoment bewusst sein".  Wer weiß, was ist, kann differenzierter wahrnehmen und vor allem differenzierter Bewegungen zulassen. Letzteres ist übrigens der Schlüssel für alle, die sich dagegen wehren, dem Pferd vorzuschreiben, was es tun und wie es sich bewegen soll. Bewusstsein führt zu Interaktion statt zu "Hilfengebung".

Auf Dauer nutzten die meisten Pferde im einvernehmlichen gemeinsamen Bewegen nur die Möglichkeiten, die unser menschliches Bewegungsgefühlsbild zulässt. Eine begrenzte Vorstellung von dem, wie ein Pferd ist und wie es sich bewegen kann, schränkt das Pferd auf lange Sicht ein wie ein Gipskorsett.

Wer also nicht auf einem bewegungsstarken, gesunden Pferd Reiten gelernt hat - wobei "Reiten lernen" für mich die Entwicklung passender Bewegungsgefühlsbilder für unterschiedliche Formen des Bewegungsausdrucks bedeutet - benötigt andere Wege. Hier sehe ich die Schulung der (Bewegungs-)Wahrnehmung und des (Körper-)Bewusstseins an erster Stelle.

In diesem Zusammenhang gesehen bietet mein vorheriger Post die Vorlage für kreative und konstruktive Arbeit mit Bewegungsgefühlsbildern. Für die, die so üben wollen.

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Betrachtungen zu den Rotationsrichtungen in der Wirbelsäule des Reitpferdes auf gebogenen Linien

In den diesem Post vorangegangenen Gesprächen hat sich die Notwendigkeit gezeigt, im Vorfeld einige Begrifflichkeiten zu klären. Zum Einen geht es um den Unterschied und die Zusammenhänge zwischen Rotation und Torsion, zum Anderen um die Bezeichnungen für die Rotationsrichtungen. Schließlich gilt es auch noch, die unterschiedlichen Betrachtungsweisen bezüglich der Struktur der Wirbelsäule zu berücksichtigen. Hier kommen dann auch noch die Faszienzugbahnen ins Spiel.*

Da Maike Knifka und ich aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten - sie als Therapeutin und ich als Reiterin oder Pferd, je nach Bedarf - erklären wir in unterschiedlicher Wortwahl mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Wer out-of-the-box forschen will, muss mehrsprachig verstehen können. Deshalb haben wir diesen Post als Austausch verfasst und in der Folge ist Maikes Text grün und meiner schwarz.
 
Rotation oder Torsion?
 
Die Rotation eines Körperteiles führt in einer tensegralen Struktur immer zu Torsion anderer Bereiche. Als einfaches Beispiel für das Verständnis von Rotation und Torsion kann man ein Handtuch auswringen. Man rotiert die beiden Enden des Handtuches gegeneinander und in der Folge entsteht im Handtuch Torsion. (Dank an Maike Knifka für dieses Bild.)
 
Rotation beschreibt die Drehung um eine Achse, Torsion das, was mit der Achse geschieht, wenn das rotierende Element mit der Achse fest verbunden und das andere Ende der Achse fixiert ist oder an jedem Ende der Achse gegenläufig zueinander rotierende Elemente befestigt sind.

Unsere Vorstellungskraft gibt uns die Möglichkeit, sehr unterschiedlich zu definieren, welche Körperteile rotieren, wo gedachte Fixpunkte sind, wo Torsion stattfindet – und wie sie sich wieder entlädt.

Die Rotationsrichtungen

Die Definition der Rotationsrichtungen gestaltet sich schwierig, weil die Therapeuten die Rotationsrichtung anders betrachten als ich und die meisten Nichttherapeuten, mit denen ich bislang über dieses Thema gesprochen habe.

Therapeuten beziehen sich auf die Bewegungsrichtung des Brustbeines bei der Rotation (also auf die Wirbelunterseite). Bewegt sich das Brustbein nach rechts, handelt es sich um Rotation rechts. In der Folge rotiert aus Therapeutensicht das Becken nach rechts, wenn sich die rechte Hüfte hebt. Ich würde diese Bewegung als Rotation nach links bezeichnen, also das Becken wie eine Flügelmutter am hinteren Ende der Wirbelsäule betrachten.

Wie jetzt? fragt der Schecke.Ich biete beides an und bitte um Rückmeldung meiner Leserinnen und Leser!
 
Wie sich im folgenden Text zeigen wird, sehe ich die Brustwirbel im Bereich der Tragerippen (2) als die am ruhigsten getragenen Wirbel mit der geringsten Rotation gegen das Bewegungslot. Definiere ich hier meinen Bezugspunkt und bleibe gleichzeitig bei dem Bild mit der Flügelmutter auf beiden Enden der Wirbelsäule, rotiert das Kreuzbein im Bild nach rechts, wenn sich die rechte Hüfte senkt. Bei einer durch die gesamte Wirbelsäule gehende Torsion nach dem Bild des Handtuches rotieren die Halswirbel (Flügelmutter vorne) nun nach links.
 
In einer Rechtsbiegung des Pferdes ist die Abwärtsbewegung der inneren Hüfte stärker betont als die der äußeren, wobei zu beachten ist, dass es sich um eine Betonung innerhalb der Bewegungsabläufe handelt und keine starre Einstellung.

Tensegrität durch Torsion zwischen Atlas und Becken

Liebe Maren, das Bild der Flügelmutter als Symbol für das Becken als „Rotationsmotor“ kann ich sehr gut nachvollziehen. Auch in meiner Vorstellung wird durch die abwechselnde Bewegung der Hintergliedmaßen im Becken eine „oszilierende Schiffsschraubenbewegung“ initiiert, also Rotation im stetigen Richtungswechsel. Das Gegenstück der „Becken-Flügelmutter“ ist für mich der Atlas. Bei optimaler tensegraler Spannung rotiert in Biegungen die Flügelmutter vorne stets entgegen der Flügelmutter hinten. Eben genau so, wie man ein Handtuch durch gegenläufige Bewegungen auswringt.

Meine Vorstellung ist, dass in deinem Beispiel der Rechtsbiegung mit tendenziell rechtsseitig tiefer liegendem Becken nicht die gesamte Halswirbelsäule entgegengesetzt rotiert, sondern die eindeutige Gegenrotation des Atlas die ersten Halswirbel noch mit in seine Rotationsrichtung nimmt und irgendwo im weiteren Verlauf dann nach und nach die Umkehr in die Beckenrotationsrichtung stattfindet.
 
Betrachtet man die Wirbelsäule im Ganzen (Bild oben), rotieren vom Kreuzbein aus betrachtet alle Wirbel im Rahmen ihrer unterschiedlichen physiologischen Bewegungsmöglichkeiten im Verhältnis zu ihrem Vorgänger ein wenig (!) nach links. Aus Sicht der Wirbelsäule gibt es also keine Rotationsumkehr. Wohl aber aus der Sicht des Reiters oder eines beliebigen Referenzpunktes (s.unten!) in der Wirbelsäule.
 
Lass ins Gelände gehen, sagt der Schecke.

Der alte Grundsatz „keine Biegung ohne Stellung“ ist im Grunde genommen ein Tensegritäts-Bekenntnis, denn die Hilfestellung der Reiters zur Stellung des Genicks in Biegerichtung führt zur Gegenrotation des Atlas und stabilisiert so das Gesamtsystem.
 
Gefühlte Zusammenhänge

Wer in der Lage ist, das Bewegungsgefühl des Pferdes nachzuempfinden, kann sich vorstellen, dass es auf jeden Fall angenehmer ist, wenn Sattel und Reitergewicht im Bewegungslot getragen werden können und die Kraft der Vorderbeine sich gegen die gemeinsame Masse richten kann. Da das Pferd im Laufe der Ausbildung in Trab und Galopp auf gebogenen Linien immer wendiger werden und weniger Schräglage zeigen soll, muss demnach der Brustkorb senkrechter getragen werden (nächster Post...), während die Ausrichtung der Schubkraft durch die Veränderung der Beckenposition immer präziser wird.
 
In die Auf- und Entladung der Hanken fließen demnach die Rotationsbewegungen der Wirbelsäule mit ein. Das „innen tiefer Sitzen“ auf gebogenen Linien, von dem in den meisten Reitweisen die Rede ist, das man jedoch selten sieht, wird demnach durch die Wirbelsäulenrotation der hinteren Brustwirbel und der LWS und das dadurch sinkende Becken verursacht oder andersherum betrachtet, durch die aus der Beckenneigung nach innen entstehende Torsion in der Wirbelsäule. Bei einem kraftvollen Pferd spürt man jedoch nicht nur die Aufladung, sondern auch die Entladung des inneren Hinterbeines in Bewegungsrichtung.

Letzteres führt dazu, das man sich nicht mehr die Frage stellt, ob die Dornfortsätze nach innen oder außen kippen – sie ziehen in Bewegungsrichtung vorwärts wie eine Haifischflosse. Betrachtet man den Pferdekörper als tensegrale Struktur, lädt sich das Pferd in den jeweiligen Rotationsrichtungen selbst auf, die Knochen schwingen im Netz des Faszienkörpers.

Genaugenommen beeinflussen wir als Reiter also nicht die genaue Position der einzelnen Knochen, sondern die Bewegungsamplituden, die sich im Verhältnis zueinander verändern, sowie den Bezug verschiedener Teile zueinander...
 
     Durchlässigkeit

     Im Grunde genommen muss nicht das Pferd Durchlässig sein, sondern viel mehr der Reiter. Das ist sicherlich eine ungewöhnliche Formulierung. Aber der Reiter sitzt zwischen diesen beiden gedachten Flügelmuttern und muss mit den von dir beschriebenen korrekten inneren Bildern und Hilfestellungen die ausbalancierte Tensegrität des gesamten Pferdekörpers (und des eigenen Körpers!) zulassen und unterstützen. Die durch den Reiter verursachten Kollabierungen des Gesamtsystems sind vielfältig und allseits bekannt.
...weil Durchlässigkeit gerne mit lose sein verwechselt wird und körperliche Aktivität häufig "Einwirkung" bedeutet statt Präsenz.
 
   Das Zwerchfell ist Teil des Bewegungsapparats

   Zentrale Verknüpfungsstruktur zwischen „hinten und vorne“ ist das Zwerchfell des Pferdes, das sich unter dem Reiter ausspannt. Die Atmung des Reiters nimmt daher auch eine wichtige Durchlässigkeitsfunktion ein.

Mit dem großen Thema Zwerchfell und Atmung komme ich etwas vom eigentlichen Thema „Rotationsrichtungen“ ab
(dafür aber zielsicher zum Werbeblock: Dies wird eines der Themen der Gebrauchshaltungskonferenz sein!), aber ohne harmonischen und stabilen Körperkern fehlt dem Pferd ja die Möglichkeit der Ausrichtung auf das Bewegungslot und die Gefahr der Ablenkung von der gewünschten Kraftrichtung ist groß, so dass das Zwerchfell vielleicht doch mit hinein gehört in die Gedanken um die Rotationsrichtungen. Dieses Thema lässt sich bestimmt an anderer Stelle noch vertiefen (s.o.).

... Auf der gebogenen Linie verändern sich die Amplituden dahingehend, dass die Innenneigung des Beckens etwas stärker wird als die Außenneigung und sich die innere Hüfte senkt. Wobei hier in die Betrachtung einfließen sollte, dass das nur funktioniert, wenn das LSG geschlossen/gestreckt ist und Knie- und Hüftgelenk sich unter Last beugen. Ist das LSG offen/gebeugt, hebt sich die Kruppe erreicht in der Mitte der Stützbeinphase des inneren Hinterbeines ihren höchsten Punkt.
 
Das Kreuzbein zeigt am hinteren Ende des Rumpfes die Summe der Bewegungsamplituden der hinteren Brustwirbel und der Lendenwirbel mit jedem Schritt und wechselt ständig die Rotationsrichtung, wie an der Beckenbewegung sichtbar wird. Oder dämpfen die Wirbelverbindungen die durch die Auf- und Entladung der Hanken in der Wirbelsäule erzeugte Torsion?

Sobald die Beckenrotation nach innen zu stark wird, dissoziiert das Kreuzbein und damit das äußere Hinterbein und das Pferd geht „über die äußere Schulter“, weil das äußere Hinterbein keinen richtungsgebenden Schub mehr machen kann. Die Wirbelsäule kann nun die Torsion nicht mehr verarbeiten und „lenkt ab“.

Andersherum könnte man argumentieren, dass das Becken dissoziiert, wenn die gesamte Rumpfstruktur die Torsionskräfte nicht ausreichend integriert. Hier sind wir dann bei der Notwendigkeit des Trainings der Kernstrukturen und der Tiefen Rumpflinien (Faszienzugbahnen) angekommen.
 
     Stabilisierender „Heckantrieb“

     Der Impuls für eine positive Aufspannung muss von der Hinterhand ausgehen. Die Ausrichtung der hier entwickelten Kraft geht nach vorne oben Richtung Atlas und Genick. Die entstehenden Torsionen bestehen in der gesamten tensegralen Körperstruktur und finden in der gegenläufigen Atlasrotation ihr stabilisierendes und begrenzendes Pendant. Der Reiter spürt im Idealfall unter sich ein stabiles System, das sich durch ein spürbares, wie du es nennst haifischflossen-artiges Vorwärts auszeichnet.


Da die tensegralen Strukturen im Pferd so vielfältig sind, gibt es nicht nur unterschiedlich große Rotationsamplituden und -richtungen, sondern auch eine unterschiedliche Festigkeit und Belastbarkeit. Je besser das Pferd seinen Körper nutzt, um so stabiler wird der Rumpfbereich unter Last, während der Hals sich leichter und beweglicher anfühlt. Dies könnte den Erfahrungen Steinbrechts entsprechen, der ja immer wieder nachdrücklich davor gewarnt hat, den Hals des Pferdes lose zu arbeiten, bevor dieses in seiner Kraft ist. Denn der sich leicht anfühlende Pferdehals fühlt sich nur deshalb so an, weil er gut mit dem Rumpf verbunden ist und letzterer sich von ersterem führen lässt.

... Insgesamt alles Eigenschaften, die sich beim Pferd zeigen, das seine Kraft aus der Hinterhand entwickelt und über Becken und Kreuzbein nach vorne überträgt. Die Hinterhand ist somit für die Vorwärtsbewegung zuständig, die Vorhand für die Aufwärtsbewegung. Ohne Kraft aus der Hinterhand kollabiert das System und die Vorhand muss sich durch Vorwärtsziehen zwangsläufig an der Vorwärtsbewegung beteiligen.
 
Betrachtungsweisen

Um die Zusammenhänge korrekt einordnen zu können, sollte man die verschiedenen Vorstellungen von dem, was und wie eine Wirbelsäule ist, kennen. Unterschiedliche Betrachtungsweisen fürhren zu unterschiedlichen Schlüssen.

(1) Die Wirbelsäule als lose Kette von Wirbeln

Dieses Bild bietet zu viele mögliche Bewegungsrichtungen, die Biege- und Torsionssteifigkeit ist zu gering. Eine solche Struktur ist nicht belastbar. > Pferd nicht reitbar

     Systemkollaps durch Hypermobilität

   Wenn ich in der Bewegungsbeurteilung eines Patientenpferdes sage (zugegebenermaßen augenzwinkernd), dass mir das Pferd zu wenig steif ist, ernte ich erstaunte Gesichter. Wer „tensegral denkt“ weiß sofort, was damit gemeint gemeint ist, aber sehr häufig begegnet mir der Wunsch des Reiters nach mehr Beweglichkeit, mehr Biegefähigkeit usw.. Das Pferd wird als steif und „auseinander gefallen“ beschrieben.
 
In der Bewegung fehlt diesen Pferden aber keine Biegsamkeit, sondern Kraftentwicklung aus der Hinterhand und die Möglichkeit der Kraftübertragung auf das Gesamtsystem. Der Hinterhand fehlt es an „Vorwärts“ und der Vorhand an „Aufwärts“. Den Schwerpunkt auf Biegefähigkeit zu legen, ohne dabei den Fokus auf Systemstabilisation und Kraftrichtung zu legen, führt meiner Meinung nach zu noch mehr wabbeligen, schlängelnden und kraftlosen Bewegungen und geradewegs in die pathologische Bewegungsphasenverschiebung, die du in deinem zweiten Buch so treffend beschreibst.

Für mich sind deutlich sichtbare Dornfortsatzbewegungen, Brustbeinverschiebungen und starkes Beckenkippen in der Bewegung stets Anzeichen von Kollabierungen der tensegralen Struktur im Sinne des Zusammenspiels aus Spannungselementen (myofasziales System) und Druckelementen (Skelett) und nicht positiver Ausdruck von Beweglichkeit oder gar Elastizität. Elastizität entsteht dadurch, dass sich das Weichgewebe die Knochen zum Aufspannen zu nutze machen kann. Bei diesem Bild wird klar, dass deswegen das Skelett immer im Bewegungslot bleiben muss, da es ansonsten zu Turbulenzen im System kommt.

Ich denke, dass die durch die Beckenrotation entstehenden Torsionskräfte im Idealfall der Bewegungsbalance auf die gesamte Wirbelsäule verteilt werden, wo sie durch kleinste „In- und Gegeneinander-Rotationen“ organisiert und genutzt werden. Betonte Bewegungsrichtungen entstehen dann in Biegungen, ohne dass die Kleinstbewegungen aufhören.
 
(2) Achse, auf der Wirbel aufgereiht sind
 
Stellt man sich die Wirbelsäule als Achse vor, auf der die Wirbel aufgereiht sind, ist es denkbar, dass einzelne Wirbel sich auf der Achse innerhalb ihres natürlichen Bewegungsspielraumes gegen die anderen verdrehen, was unweigerlich geschieht, wenn man die Achse biegen will, ohne Rotation zu ermöglichen. Das Pferd folgt dem Bild, das der Reiter von ihm hat - anders lassen sich die unterschiedlichen Bewegungsmuster m.E. nicht erklären! So ist wenig physiologisch sinnvolle Biegung möglich, die Belastbarkeit ist gering. > Pferd reitbar, aber ständig behandlungsbedürftig.
 
(3) Tensegrale Struktur

Die Wirbel bilden gemeinsam eine gleichzeitig biegsame, biegesteife und torsionsbelastbare Struktur, in der durch Rotation des Beckens stärkende Torsion ausgeübt wird. Sehr wesentlich ist hier die Eigenschaft tensegraler Strukturen, auf Druck- oder Zugbelastung mit Rotation zu reagieren und bei Belastung durch Torsion sofort fester und belastbarer zu werden, ohne zu verkrampfen. Biegung und Rotation gehören hier immer zusammen und bedingen sich gegenseitig.  > Pferd sehr belastbar, aber unreitbar, wenn mit unpassenden Bewegungsmustern gearbeitet wird.

Referenzwirbel*

Weiter oben habe ich den Begriff „Referenzpunkt“ bzw. „Referenzwirbel“ eingeführt, um eine Möglichkeit zu finden, die Ausrichtung der in sich spiralisierten Wirbelsäule im Raum zu definieren. Der Referenzpunkt bezieht sich immer auf den im Bewegungslot stehenden Wirbel – und das kann in der über die ganze Länge physiologisch sinnvoll spiralisierten Wirbelsäule nur einer sein. Beim Pferd. Bei der Schlange ist es anders.

Nehmen wir als Referenzpunkt einen der Brustwirbel im Widerristbereich: Unabhängig davon, wie winzig die Rotation der Brustwirbel zueinander ist, es kann immer nur ein Wirbel im Bewegungslot stehen. Alle, die sich davor befinden, rotieren in Bezug auf diesen Wirbel in die eine Richtung, alle, die dahinter sind, rotieren in Bezug auf diesen Wirbel in die andere Richtung. Obwohl die Rotationsrichtung aller Wirbel zu ihrem jeweiligen Vorgänger gleich ist.

Befindet sich der Referenzpunkt im letzten Lendenwirbel, rotieren alle Wirbel davor in Bezug auf diesen Punkt in die gleiche Richtung, wenn auch in Bezug auf Vorgänger und Nachfolger in den unterschiedlichen Wirbelsäulenregionen unterschiedlich weit. Wenn also das Becken waagerecht ist, neigen sich die Dornfortsätze zur Seite und die Halswirbel drehen sich noch weiter in die gleiche Richtung.

Steht der dritte Halswirbel senkrecht, neigen sich die Dornfortsätze zur Seite und das Becken neigt sich noch weiter in die gleiche Richtung.

*Referenz-Wirbel, nicht Referen-Zwirbel! :D
 
Thesen:
 
Aufgrund der uns zur Verfügung stehenden Informationen und meiner Arbeit mit dem Bewegungsgefühl in Verbindung mit Kraftschluss möchten wir folgende Thesen aufstellen:

(1) Ist das Pferd sehr tief eingestellt (Pferdenase unterhalb der Linie Hüfte-CTÜ), rotiert der Brustkorb im Verhältnis zum Becken (oder mit dem Becken, dann hebt das äußere Hinterbein ab) mit den Dornfortsätzen nach innen. Die äußere Hüfte hebt sich. Die Halswirbel rotieren nach innen**. (Der senkrechte Referenzpunkt/-wirbel innerhalb der aufspiralisierten Wirbelsäule befindet sich im Kreuzbein bzw. hinter dem Kreuzbein.)

Das beobachte ich auch so und ich würde sagen, dass hier die Becken- und Atlasrotationen verkehrt herum im Sinne der tensegralen Kraftübertragung stattfinden. Das Pferd läuft sozusagen nicht „von hinten nach vorne-oben“, sondern „mit vorne nach vorne-unten“. Die Frage ist ja nun auch, wie sich die myofaszialen Zugbahnen bei den jeweiligen Körperhaltungsmustern verhalten.
Meine Beobachtung hierzu ist, dass in diesem Fall der tiefen Kopf-Hals-Position das Pferd durch die starke Betonung der Vorhandbelastung die muskuläre Aktionsbasis nach vorne in den Schulterbereich legt. Hierbei sehe ich die Spirallinie und die Laterallinie im Vordergrund. Die Überbelastung des großen Rumpfträgers (m. serratus ventralis thoracale) und Mitglied der Spirallinie führt dazu, dass der Gesamtbewegung die muskuläre Aktion der Rumpfträger und damit der Rumpfanhebung- und stabilisation abhanden kommt. Die Kraftrichtungen aus den Vorderbeinen und Rumpfhebern sind nicht mehr gegen das Reitergewicht gerichtet.
 
Im weiteren Verlauf der Spirallinie arbeitet der m. obliquus externus abdominis (äußerer schräger Bauchmuskel) betonter als der gegenüber liegende innere schräge Bauchmuskel. Somit ist die Stabilisation des Brustkorbs gefährdet und dieser gerät in Biegungen in Außenrotation (Dornfortsätze nach innen, Brustbein nach außen). 

Foto: Bauchhautmuskel,
linke Körperseite,
Blick auf Bauchunterseite 
(c) Maike Knifka
Sehr interessant finde ich hierbei auch die Arbeitsweise der Laterallinien und zwar vor allem des häufig sehr stiefmütterlich behandelten Bauchhautmuskels (m. cutaneus colli), der im Rumpfbereich die äußerste breitflächige und dicke (bis zu 3 cm!) Muskelschicht darstellt. Er ist betonter im vorderen Rumpfbereich ausgebildet und stark an der lateralen Balance beteiligt. Bei starker Vorhandlastigkeit wird er meiner Meinung nach nicht ausreichend von der hinteren Bewegungsbasis (Hinterhandbewegung) gespannt und kann seine stabilisierende Wirkung nicht entfalten. 
 
So, wie ich die erste Studie von W. Södring-Elbrond verstanden habe, sind die Laterallinien mit ihren sich kreuzenden Zügen in einer mittleren Aufrichtung am besten im Gleichgewicht. Das wäre auch nochmal ein Thema für einen Post. :D
 
 
 

(2) Ist das Pferd sehr hoch eingestellt bei gleichzeitig abfallender Linie Hüfte-CTÜ, rotiert das Becken mit der inneren Hüfte nach oben, die Dornfortsätze zeigen nach außen. Die Halswirbel rotieren nach innen**. (Der senkrechte Referenzpunkt/-wirbel innerhalb der aufspiralisierten Wirbelsäule befindet sich in der mittleren HWS.)
 
Bei hoch aufgerichteter Kopf-Halsposition mit tief liegendem CTÜ herrscht in der Wirbelsäule die Extensionstellung vor, was kompensatorisch meistens zur Steilstellung des Beckens führt. Entweder mit Lendenwirbelsäule in Extension, oder sehr häufig auch in Flexion. Die Steilstellung führt zur Flexion, oder Öffnung des LSÜ. Diese Haltung stellt für mich dann immer eine komplette Kollabierung der myofaszialen Zugbahnen mit Verlust der gewünschten Bewegungsausrichtung nach vorne-oben dar. Im kollabierten LSÜ ist die Kraftübertragung vor allem der in die oberflächliche Dorsallinie mündenden Spirallinie und der Dorsallinie selbst mangels Kraftschluss behindert.
 
(3) Befinden sich CTÜ und Hüfte auf einer Linie mit dem Pferdemaul (oder mindestens auf einer horizontalen Linie), bleibt der Brustkorb im Bewegungslot und das Becken neigt sich nach innen und die Halswirbel rotieren nach außen***. (Der senkrechte Referenzpunkt/-wirbel innerhalb der aufspiralisierten Wirbelsäule befindet sich in der BWS im Bereich der Tragerippen.)

Im Idealfall gewährleistet ein geschlossener LSÜ in Neutralstellung die Arbeit der Zugbahnen und andersherum gewährleistet eine muskulär aktive Arbeit der Zugbahnen die Kraftübertragung im LSÜ. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich anschaut, wie stark die LSÜ-Region muskulär-faszial überspannt ist. Mein Bild ist hierbei, dass dies nur dann möglich ist, wenn die Aktionsbasis für Vorwärtsbewegungen hinten und die für Aufwärtsbewegungen vorne liegt. Nur die kräftige Vorwärtsbewegung aus der hinteren Aktionsbasis heraus ermöglicht der vorderen Basis eine aufrichtende, muskulär dominante, abstützende Bewegung. Das gelungene Zusammenspiel erhält die pyhsiologischen Bewegungsphasen der Gliedmaßen. Wirbelsäule und Brustkorb bleiben im Lot und ermöglichen als annähernd „ruhender Pol“ ausbalancierte Muskelaktionen, in welcher Form auch immer. Diese führen zu einer für die Bewegungsübertragung unerlässlichen positiven „Versteifung“ der Wirbelsäule.


Wenn man einheitlich nach einer Lehre ausgebildete Pferde betrachtet, kann man zu dem Schluss kommen, dass es so sein müsse, wie es ist.

Vergleicht man die Schulen miteinander, findet man alle oben genannten Variationen und vermutlich noch ein paar andere.
 
Die große Frage ist für mich: Ist es gut so, wie es ist - oder ist es nur mangels praktikabler Alternativen so, wie es ist? Ist das, was ich mehrheitlich beobachten kann aufgrund der signifikanten Masse gut? Ist die Norm, das was überall zu sehen ist, für mich und/oder das Pferd erstrebenswert? Warum? Wie verändert sich die Norm von Reitweise zu Reitweise? Was haben tragkräftige, kooperative bewegungskompetente Pferde gemeinsam?

* Maike Knifka hat im November eine Fortbildung bei Wiebeke Södring-Elbrond zu den Tiefen Faszienzugbahnen beim Pferd gemacht, zu der auch eine Sektion gehörte. Es freut mich, dass diese Zugbahnen, von deren Vorhandensein ich beim Verfassen von "Jenseits der Biomechanik - Biotensegrity" ausging, nun auch nachgewiesen sind.

Und was macht nun der Hals?

Die Rotationsrichtung muss hier nach meiner Definition der Biegung entgegengesetzt laufen, also Biegung links, Rotation rechts. (Damit unser Handtuch nicht mittendrin die Richtung wechseln muss.) So fühlt es sich auch beim Reiten an, wenn es richtig gut ist. Findet auch der Schecke, beschreiben wir im nächsten Post. Oder im übernächsten. Rotation des Halses in Biegerichtung**** haben wir beim Kratzen mit dem Huf hinterm Ohr. Das Kreuzbein rotiert dann gegen die Biegerichtung****, die Innenseite des Beckens hebt sich...

Dechaotisation der Richtungen:
**Therapeutensicht: Halswirbel rotieren nach außen
***Therapeutensicht: Halswirbel rotieren nach innen
***Therapeutensicht: Rotation links, die Unterseite der Halswirbel bewegt sich nach links
****Aus Therapeutensicht gegen die Biegerichtung, Kreuzbein in Biegerichtung