Donnerstag, 14. November 2019

Wissenschaft oder Kuriosität?


Leonid Blyum hat uns alle in die Pflicht genommen, Biotensegrity aus der „Lustige-Modelle-Ecke“ herauszuholen und ihre Komplexität, ihre Allgegenwärtigkeit und die wissenschaftliche Herangehensweise zu ergründen.
Als Mitgliedern der BIG ist es in unserer Verantwortung dafür zu sorgen, dass Biotensegrity in unserem jeweiligen Spezialgebiet und darüber hinaus ernst genommen wird.

Wissenschaft oder Kuriosität?

Die Begegnung mit Biotensegrity verläuft in mehreren Abschnitten, und die Neugier ist ganz natürlich der erste Schritt:

1 Die Modelle sind das unterste Level der Begreifbarmachung von Biotensegrität


2 Das Gleiche gilt für Nachbauten lebender Körper (die immerhin die Möglichkeit eines hebelfreien Körpers aufzeigen).

3 Die Beschäftigung mit der Geometrie der Anordnung in Tensegritäten führt in die Sackgasse der Schulgeometrie.

4 Tensegrity als Differentialrechnung – ist nur für ein paar Mathematiker interessant.

5 In der algorithmischen Herangehensweise dienen die Modelle als Verkörperung der unsichtbaren Kräfte in Tensegritäten sowie der dazugehörigen physikalischen Gesetze:
"Using the 3D/ tensegrity models to identify and clarify examples of emerging algorithms of intrinsic mechanical interactions that are not numerically calculable via classic mechanics (biomechanics)"

"Nur letzteres ermöglicht eine echte, weiterführende wissenschaftliche Herangehensweise, die für die allgemeine Akzeptanz von enormer Wichtigkeit ist. Dies schmälert die Bedeutung der Modelle in der praktischen Vermittlung in Training, Ausbildung und Therapie in keiner Weise!"

Morphological Computation (Morphologische Berechnung)

Diesen Begriff möchte ich gerne erläutern, bevor ich mit Leonids Inhalten fortfahre, da die Übersetzung nicht immer ganz einfach ist.
Morphologie bedeutet in der Biologie die Lehre von der Struktur und Form der Organismen.
Angeblich hat Goethe das Wort erfunden, und wie ich ihn kenne, könnte das Wort ebensogut die Vernunft der Struktur bedeuten:

Wikipedia: Neubildung von Goethe, der altgriechisch μορφή (morphē)Gestaltund λόγος (logos)RedeLehreVernunft“  verknüpfte.

„There is no slow down in nature when the problems get numerically tough“
In der Natur verlangsamt die Anzahl der Probleme nicht den Prozess. (Der beste Vergleich wäre hier vielleicht ein Hase, der auf keinen Fall langsamer wird, wenn die Anzahl der Hunde und der Richtungen, aus denen sie kommen, sich vergrößert.)

„When morphology or materials take over some of the funktions of the brain“
Das Gehirn benötigt Rechenzeit, der Körper nicht. Der Körper kann im Hier und Jetzt mit einer sehr großen Zahl von Informationen klarkommen, WENNN....

… (das ist meine These) er frei agieren darf, in seinem Leben genügend Trainingszeit hatte und keine „falschen“ Algorithmen verinnerlicht wurden.

Algorithmen
sind Verhaltensregeln, klare und eindeutige Handlungsvorschriften, die den Lösungsweg eines Organismus in einer Problemsituation bestimmen.
Um beim Beispiel des Hasen zu bleiben könnten Algorithmen lauten:
Je näher der Hund, um so häufiger schlage Haken.
Bei mehreren Hunden halte den Fokus auf der Lücke.

Leonids Kartoffelsuppe:
Die Herstellung einer Kartoffelsuppe durch eine künstliche Intelligenz nach einem haushaltsüblichen Rezept mit nur sehr ungefähr standardisierten Mengen, Geräten und Zutaten ginge vermutlich über den aktuellen Stand der Wissenschaft hinaus, während geübte Menschen kein Problem damit haben, das Rezept den Gegebenheiten anzupassen. (Nichtdeterministische Algorithmen)

Wobei wir hier meines Erachtens die Grenze von den Algorithmen zur Heuristik überschreiten, die es ermöglicht, auch mit unvollständigen Informationen zu halbwegs vernünftigen Ergebnissen zu gelangen.


Donnerstag, 24. Oktober 2019

Knochen, Faszie und Embryonalentwicklung


Über den Vortrag von Dominique Bourgois

Dieser Vortrag war für mich ein sehr spannender, weil er mehrere Themen zusammenführt. Da die Aussagen im Englischen griffiger sind, habe ich die originalen Zwischenüberschriften beibehalten.

Embryonalentwicklung

Alles beginnt mit einem kleinen Zellhaufen, aus dem sich nach und nach ein vollständiger Organismus bildet. Nur mit den „Befehlen“ der DNA ist es nicht getan, der Embryo erhält seine Wachstumsreize durch Veränderungen im tensegralen Spannungssystem.

Bones are fascia

Die Betrachtung der Embryonalentwicklung zeigt sehr deutlich, dass sich die Knochen „frei schwebend“ aus dem Fasziengewebe bilden, zunächst durch Verdichtung und später durch Kalziumeinlagerung. Aus diesem Blickwinkel ist die Aussage „Bones are fascia“ absolut logisch, nachvollziehbar und systemkongruent.




Fasziengewebe kann unterschiedlich elastisch sein und sich unterschiedlichsten Anforderungen anpassen. Wenn daher Knochen (ein Teil der) Faszie sind, wird der Unterschied zwischen den üblichen Modellen und einem lebenden Organismus klar:

Tensegrity benötigt 2 Materialien, BIOtensegrity nur eines: Fasziengewebe!

Volumes, not layers

Dies gilt in der Selbstwahrnehmung, in der Betrachtung, in der Therapie und im Training gleichermaßen. Es ist wichtig, die Faszienzugbahnen ähnlich wie die Tensegrity-Modelle als Hilfe zum Verständnis zu betrachten, aber nicht als Teile eines Körperbaukastens. Der Körper definiert sich durch den eingenommenen Raum und seine räumliche Form. Sehr schön fand ich die Aussage, dass es hilfreich ist, Konfusion zu verursachen, wenn man Veränderung bewirken möchte.

Die folgenden Sätze übersetze ich nur, da sie meines Erachtens keiner weiteren Erklärung bedürfen:

There is no such thing as active and passive system. Everything is active.
Es gibt keine aktiven und passiven Systeme. Alles ist aktiv.

Muscles are not on/off, there is always pretension
Muskeln schalten sich nicht an und aus, wechseln nicht zwischen Arbeit und Pause.

Muscles organize the deformation of the body
Sie sind zuständig für die Organisation der (funktionalsten) Form.

If there are no levers, what is there instead?
Wenn es keine Hebel gibt, was gibt es stattdessen?

Stability based upon the intrinsic forces of the tensegral body
Die dem tensegralen Körper, die einer Biotensegrität innewohnenden Kräfte geben ihm seine Stabilität (ebenso wie seine Flexibilität und seine Reaktionsfähigkeit).

Veröffentlicht mit dem Einverständnis von Dominique Bourgois, Fascia College, Gent, Belgien





Dienstag, 22. Oktober 2019

Diane Vincentz


berichtete in ihrem Vortrag über "Kinder, denen aufgrund von Cerebralparese oder genetischen Erkrankungen die gesunden biotensegralen Gewebereaktionen auf normale physische Belastungen und motorische Anforderungen fehlen. Diese Kinder können keine normale Grobmotorik entwickeln, weil ihre Körper den Druck des Bodens kaum oder nicht beantworten; anstatt einen Gegendruck zu erzeugen, neigen die Körper solcher Kinder dazu, zusammenzufallen, sich zu verformen oder auf andere Weise der physischen Belastung auszuweichen. Das System reagiert nicht ausreichend auf den Bodenkontakt, es hat seine biotensegralen Qualitäten teilweise verloren oder nie besessen. 
      Da diese Kinder keine angeborenen biotensegralen Reaktionen besitzen, ist ihre Auseinandersetzung mit den physischen Kräften der Erde ungeordnet und das Erlernen der grundlegenden motorischen Fähigkeiten sehr erschwert bis unmöglich.
      Diese innere Gewebeschwäche hat bei den Kindern auch grundlegende Auswirkungen sowohl auf die Respiration als auch auf die metabolischen Funktionen."


Das linke Bild zeigt ein solches Kind (7 Monate alt), das Bild rechts unten ein Kind mit einer biotensegral gesunden Reaktion (5 Monate alt).

Die ABR-Methode ist ein biotensegrity-basiertes Modell für die Behandlung von Kindern und Erwachsenen mit besonderen Bedürfnissen. Das Konzept Biotensegrität bringt einen neuen Blickwinkel ins Spiel, aus dem heraus sich die allgemeine Entwicklung der Kinder und ihre Bewegungsschwierigkeiten besser verstehen und behandeln lassen.



Die Therapie besteht, stark vereinfacht ausgedrückt, darin, durch einen wohldosierten, gezielten Druck mit verschiedenen Materialien auf den Körper von diesem eine Antwort zu fordern. Diese Antwort löst wiederum einen erhöhten positiven Gewebeumbau aus.

Hier wird das Konzept „Druck erzeugt Gegendruck“ nach meinem Empfinden sehr konstruktiv eingesetzt: Druck ist ein physikalischer Reiz und richtig angewandt ein Trainingsreiz für das gesamte myofasziale Organ, der die Entwicklung des Potenzials der Biotensegrität fördert.

Um doch noch einen Bezug zu den Pferden herzustellen, lade ich alle Leser dieses Posts ein, die Bilder, die sie von Pferden kennen, mit der Fotos oben zu vergleichen. Wie viele Pferde laufen unter ihrem Reiter in der Haltung des Kindes oben links und wie viele dürfen und können sich bewegen wie das Kind unten rechts? Was wird den Pferden beigebracht? Und mit welchen Manipulationen wird versucht, Pferde, die innerlich kollabiert sind, aussehen zu lassen wie das Kind unten rechts?
Wenn ich das Kind oben links erschrecke oder aufrege, wird es vermutlich den Kopf hochnehmen. Aber erreiche ich damit die Kernstrukturen? Was geschieht mit der von Diane bereits erwähnten Atmung?

Diane Vincentz, Direktorin von ABR Dänemark, steht gerne für weitere Fragen zur Verfügung!

ABR = Advanced Biomechanical Rehabilitation = Fortschrittliche Biomechanische Rehabilitation

(c) Fotos Diane Vincentz



Samstag, 19. Oktober 2019

Einfach anfangen: How to start with Biotensegrity

Susan Lowell hat einen Leitfaden entworfen, wie man sich der Biotensegrität am sinnvollsten und erfolgsversprechendsten nähert. Ich gebe die Herangehensweise hier in etwa wieder:
  • Bastele ein Modell
Es ist sinnlos, herausfinden zu wollen, worum es geht, ohne wenigstens einmal ein Modell in der Hand gehabt zu haben!
  • Schau ein paar Videos an
Steves "Biotensegrity and Dynamic Anatomy"- Video von der Original-DVD beispielsweise ist jetzt kostenlos auf Youtube zu sehen.
  • Sieh dir die wichtigsten Webseiten an:
Stephen M Levins www.biotensegrity.com
Graham Scarrs  www.tensegrityinbiology.co.uk
The SM Levin Biotensegrity Archive www.biotensegrityarchive.org
  • Lies ein paar Bücher
Graham Scarrs "Biotensegrity: The Structural Basis of Life", Handspring Publishing
Danièle-Claude Martins "Living Biotensegrity: Interplay of Tension and Compression in the Body" from Kiener Press,
...und von mir in deutscher Sprache "Jenseits der Biomechanik - Biotensegrity"
  • Fang an, Fragen zu stellen
Fang an, dich selbst zu fragen, was das Gefühlte, Gesehene und Gelesene denn bedeuten könnte.
Fachleute aus vielen verschiedenen Bereichen beginnen, Biotensegrität und ihre Bedeutung für ihre eigene Arbeit zu erforschen. Das entstehende Netzwerk lebt von der Vielfalt und dem Austausch!
  • BIGs: Gemeinsam lernen
Biotensegrity Interest Groups entstehen gerade überall auf der Welt und bieten die Möglichkeit, von- und miteinander zu lernen und gemeinsam zu forschen.
  • Herzlichen Glückwunsch!
Dein Biotensegrity-Studium hat begonnen, sobald du die oben genannten Schritte geschafft hast.


Steve Levin, der Vater der Biotensegrität


Eines von Steve Levins Themen war „soft (condensed) matter“, also „weiches Material“, das physikalisch zwischen Flüssigkeiten und festen Stoffen rangiert und bei dem es sich nicht um festen Stoff mit eingelagertem Wasser handelt, sondern um eine eigene Struktur.


Soft matter is ubiquituous, we are all soft matter.“
Emppu Salonen

Den Vortrag kann ich nur sehr ungefähr umreißen, da mir die wissenschaftlichen Grundlagen fehlen. Allerdings findet sich im Netz einiges, da 1991 der Physiker Pierre-Gilles de Gennes für seine Erforschung der weichen Materie mit dem Nobelpreis für Physik geehrt wurde.

Die wesentlichen Punkte seien hier knapp zusammengefasst:

1 Fasziengewebe ist weiche Materie mit den entsprechenden Eigenschaften: Die Moleküle sind geordneter als in einem Gas, aber deutlich ungeordneter als in echten Festkörpern, das Material ist flexibel und stabil und vor allem zeichnet es sich durch die Fähigkeit zur Selbstorganisation aus.
(Leonid Blyums Vortrag)

2 Es gibt „kein freies Wasser“ im myofaszialen Gewebe.

3 „Bone is fascia“ und somit soft matter. Knochen ist Fasziengewebe, das sich durch die Einlagerung von Kalzium druckstabil gemacht hat.
(Vorträge von Diane Vincentz und Dominique Bourgois)

Biology is soft matter come alive“ 
                                                 Steve Levin

Das Treffen der Biotensegrity Interest Group in Gent 2019



Die BIG* wächst und mit ihr die Aktivitäten.Es entwickeln sich großartige Möglichkeiten der Vernetzung, des Austausches und des Lernens auf neuen Plattformen. Es waren sehr inhaltsreiche Tage mit hochinteressanten Vorträgen und Gesprächen, die ich in den nächsten Tagen und Wochen zusammenfassen und veröffentlichen werde.

Everything is Biotensegrity, we find it everywhere.
Steve Levin

Beim diesjährigen Treffen der Biotensegrity Interest Group in Belgien waren wir etwa 25 Infizierte aus Kanada, den USA, Großbritannien, Belgien, Frankreich, Spanien, Deutschland, Dänemark, Russland und vermutlich noch mehr Ländern. Wissenschaftler, Trainer und Therapeuten arbeiten nicht nur daran, Biotensegrity „in die Welt zu bringen“, sondern auch an einer möglichst einheitlichen Sprache. Es handelt sich um einen Balanceakt zwischen den Notwendigkeiten, einerseits wissenschaftliche Anerkennung zu erreichen und andererseits auch für Praktiker und Laien verständlich zu sein.
Vereinfachung darf nie sinnentstellend sein, der wissenschaftliche Blick in die Tiefe nicht das Ganze aus den Augen verlieren und schließlich braucht das Thema eine Aufbereitung, die es in seiner Komplexität vermittelbar macht.
Im Folgenden werde ich verschiedene Vorträge nach bestem Wissen und Gewissen zusammenfassen. Den Anfang macht natürlich Steve Levin, der Vater der Biotensegrität. Er arbeitet seit über dreißig Jahren mit Ausdauer, Humor und Neugier daran, dass diese Grundlage des Lebens mit ihren Gesetzen fachgebietsübergreifend in der Wissenschaft Fuß fasst.

Er hat bereits sein Ok für die Veröffentlichung gegeben mit den Worten: "If we were able to convey those points then the BIG was a success."

*BIG - Biotensegrity Interest Group

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Mittwoch, 10. April 2019

„Wenn du dir wünschst, wirklich was loszutreten...

Bei uns hat das geklappt!“


Ja, das wünsche ich mir wirklich! Und nach den letzten beiden Seminaren habe ich nicht nur besonders schöne Rückmeldungen bekommen, sondern gleichzeitig das Gefühl, ein echtes Verständnis für die Zusammenhänge wecken zu können. Bewegungsvorstellungen, die Kraftrichtungen im Pferdekörper in den verschiedenen Gangarten, die Fußung und die sich daraus ergebende Hufform sowie Reitersitz und Pferdepsyche – es war jedesmal eine große Themenvielfalt und doch ließ sich alles so zusammenbringen, dass Reiterinnen und Pferde individuelle schöne Aha-Erlebnisse hatten während die zugrundeliegenden Prinzipien dennoch klar blieben und nicht relativiert werden mussten.

Die Kraftrichtungen


Sehr schön fand ich Natalies Kommentar zu den Kraftphasen und den pathogenen Mustern, die aus ihrer Verschiebung entstehen: „Ein bisschen schwanger gibt es nicht“. :)

Freitag, 4. Januar 2019

Beyond Biomechanics - Biotensegrity

 Endlich haben wir es geschafft:

Das Buch "Jenseits der Biomechanik - Biotensegrity" ist jetzt in englischer Sprache unter dem Titel "Beyond Biomechanics - Biotensegrity" als Hardcover, Paperback und eBook beim Verlagsservice Tredition erschienen. Es enthält einige neue Textpassagen und kleinere Updates, da das Original in deutscher Sprache bereits vor drei Jahren erschienen ist und sich seitdem viel getan hat.

Ich bitte euch alle, dieses Buch, das das erste über Biotensegrity und Pferde ist, fleißig weiterzuempfehlen und bei seiner Verbreitung im englischsprachigen Raum mitzuhelfen.

Da das jetzt erledigt ist, kann ich mich ab sofort kopfüber in die Seminarplanung und die Vorbereitungen für die Gebrauchshaltungskonferenz 2019 stürzen.
Die mal wieder neugestaltete Homepage geht auch bald online, einschließlich der Terminseite für 2019, versprochen!
 
We've finally made it:
The book "Beyond Biomechanics - Biotensegrity" has been published in English as Hardcover, Paperback and eBook by Tredition. It contains some new text passages and minor updates, since the original was published in German three years ago and a lot has changed since then.
Please, if you enjoyed and like it -  recommend this book, which is the first about biotensegrity and horses, and help spreading the news in the English-speaking world.
As this is now done, I'll dive headlong into the planning of the seminars  in 2019.
The redesigned homepage will go online soon too, including the events for 2019, promised!