Freitag, 6. März 2020

Vektoren

Da Maike sich so schön auf meine Texte bezogen hat, was Kraftrichtungen sowie Auf- und Entladung der Strukturen angeht, ich aber gerade selbst nichts wiederfinde, sehe ich mich in der Pflicht, nachzuliefern.

Bevor man anfangen kann, zu diskutieren, muss geklärt sein, worum es geht. Man kann alle möglichen Winkel und Richtungen in eine Grafik einzeichnen und ihren Sinn und Unsinn begründen, weshalb ich zunächst einmal nach Weltbild und Bewegungssituationen differenziere. Vektoren bezeichnen die Richtungen der wirkenden Kräfte.

1 Das Pferd im Stand

Das bedeutet, dass alle vier Füße fest auf dem Boden stehen und das stolze Reitpferd sich für den Reiter anfühlt wie ein Fels. Auch hier das Gefühl, "zwischen zwei gleichwertigen Kraftquellen zu sitzen" (Udo Bürger/Otto Zietzschmann). Dem besonders coolen Pferd reichen für diese Übung drei Beine.

Bild 1

Dazu auch ein Auszug aus dem Zuchtprogramm der Rasse Hannoveraner:

Vordergliedmaßen Erwünscht:
Von der Seite gesehen soll ein vom Mittelpunkt des Schulterblattes auf die Standfläche gefälltes Lot Unterarm, Vorderfußwurzel und Röhrbein halbieren  und dicht hinter dem Ballen auf den Boden treffen. Von vorne gesehen sollen die Vordergliedmaßen eine senkrechte Achse bilden und parallel zueinander stehen. Trockenes, gut bemuskeltes Vorderbein mit genügender Stärke, ausgeprägte Gelenke, elastische, mittellange Fessel. Winkel der Fessellinie zum Erdboden: ca. 45-50 Grad, harte, in passendem Verhältnis zur Größe des Pferdes stehende Hufe von symmetrischer Form und gleicher Winkelung, Vorderwand bildet mit Erdboden am Vorderhuf Winkel von ca. 45-50 Grad.
Bild 2

Hintergliedmaßen Erwünscht:
Von der Seite gesehen soll bei geschlossener Aufstellung eine am Sitzbeinhöcker bzw. am Rumpfende angelegte Senkrechte an der hinteren Kante der Hinterröhre entlang laufen. Korrekte Stellung, d.h. von hinten gesehen, sollte ein vom Sitzbeinhöcker auf die Standfläche gefälltes Lot Sprunggelenk, Hinterröhre, Fessel und Huf in zwei gleiche Hälften teilen. Trockene, ausgeprägte Gelenke, breit eingeschientes Sprunggelenk, elastische und mittellange Fesselung, Winkel der Fessellinie zum Erdboden ca. 50 – 55 Grad.

2 Das Pferd auf der Stelle

Bild 3
Beim bewegten Pferd auf der Stelle gehen die Meinungen bereits weit auseinander. Auch hier gibt es Kraftrichtungen und je nach Zielsetzung große Unterschiede. Betrachtenswert sind vor allem die Position der Hufe zum Knielot (Bild 3) und das LSG. Während Schecke und Fuchs auf dem ersten Bild gleichwertige Gegner zu sein scheinen, zeigt das nächste Bild (Bild 4), dass der Schecke deutlich weiter nach oben kommt als der Fuchs, der bereits wieder am Boden ist und die Hinterhand nach hinten wegstellen musste. 
Auf Bild 3 hat der Fuchs die Hufe nur knapp vor dem Knielot, was in Verbindung mit dem geöffneten LSG seine Möglichkeiten jedoch stark begrenzt. 
     Der Schecke ist mit neutral geschlossenem LSG und den Hufen im Knielot voll in seiner Kraft und demonstriert das dadurch, dass er anfängt, zu laufen (Bild 4) oder sogar, wie in Bild 5,  endgültig abzuheben. 
                                                                                                                                  .

Bild 4
Demzufolge ist der Schecke offensichtlich jederzeit in der Lage, seine Strukturen nach vorwärts-aufwärts zu entladen; die kontrollierte Koordination von Aufladung, Schwung und Ausrichtung ist darauf abgestimmt.

Bild 5




Nun stellt sich aber als nächste Frage, woran man erkennt, ob die Kraft der Hinterhand nach vorne ausgerichtet ist oder nicht?

3 Das Pferd in Bewegung

Am deutlichsten Erkennt man die effektive Kraftrichtung, also die Summe aller Vektoren der Hinterhand, an der Ausrichtung der Vorhand. Geht die effektive Kraftrichtung der Hinterhand nach hinten, muss die Vorhand vorwärts ziehen. Im Stand und in der Piaffe erkennt man dann rückständige Vorderbeine, in der Bewegung im Trab (also auch in der Piaffe) zeigen sich Phasenverschiebungen, weil das Vorderbein länger am Boden bleibt, als das diagonale Hinterbein. Das vordere Fußungsdreieck verschiebt sich in allen Tempi nach hinten.

Geht die effektive Kraftrichtung der Hinterhand nach vorwärts, wird der Trab taktrein, die Röhrbeine des diagonalen Beinpaares sind gleichzeitig in der Senkrechten, und es herrscht eine Arbeitsteilung zwischen Vor- und Hinterhand, die beide trainiert. 

4 Die Vektoren

In meiner Videorezension befindet sich am Ende eine Zeichnung, mit der ich die Kraftrichtungen ganz vereinfacht dargestellt habe. Wie auch immer man die Hankenbeugung und die Bewegung definiert, bei tensegraler Betrachtung erkennt man eine Entladung der in den Hanken gespeicherten Kraft in die Körpermasse. Diese Entladung muss beim Reitpferd immer, und sei es noch so minimal, nach vorwärts gerichtet sein. Diese Richtung ist das Vorwärts. In der Piaffe, die per definitionem ebenfalls im erkennbaren Vorwärts stattfinden soll, ist der Kraftausdruck nach vorwärts zwar nahe an Null, darf aber niemals in den negativen Bereich kommen und zu einer Rückwärtsbewegung werden.

Bild
Die Grafik links (Bild 6) zeigt zum Einen die Entladungsphase (gelb schraffiert), die Richtung der Entladung nach vorwärts (grün) und die Kraftrichtung des ungebeugt bremsenden Hinterbeines (rot). 

In gesunder Bewegung lädt sich das Hinterbein in der ersten Hälfte der Stützbeinphase in der Beugung unter der Last auf, anstatt sich versteifend zu bremsen.

Der für mich wichtigste Aspekt in dieser Zeichnung ist die Senkrechte über 0, weil hier die Grenze zwischen gesunden und pathogenen Bewegungen verläuft. Jede Kraftrichtung vom Boden weg in Richtung Hüftgelenk im roten Bereich ist Ursache und Anzeichen von pathogenen Bewegungsmustern. Man könnte diese Zeichnung natürlich auch mit anderen Bezugspunkten gestalten, aber ich denke, die Idee wird so recht klar.

5 Der Selbstversuch

Man stelle sich auf Zehen und Ballen, beuge Knie und Hüftgelenk leicht, neige den Oberkörper nach vorne und bringe nun das Knie hinter die Standfläche des Ballens....  und schiebe nun wahlweise einen Einkaufswagen oder eine Schubkarre... vorwärts!




Bild 7
6 Rechnen:

Berechnen Sie das Ergebnis der Bewegung des Pferdes auf Bild 7.












Oder freuen Sie sich einfach mit ihm!




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