Sonntag, 8. März 2020

Denkzettel Nr. 2 von Maike Knifka:

Das MAITTA des Pferdes:

Ist es ein Hebel, dann ist es Gewalt

Zugegebenermaßen klingt diese Überschrift etwas heftig. Ich bin mir sicher, dass die allermeisten Menschen sich selbst und ihrem Pferd keine Gewalt antun wollen. Aber oftmals ist es ja so, dass durch eine Überzeichnung eines Themas, sozusagen durch eine Grenzwertbetrachtung, Zusammenhänge klarer werden und Sichtweisen sich ändern können. Gerade im Umgang mit Tieren ist Gewalt schwierig zu definieren. Wo fängt sie an? Welche Intention liegt einer Handlung zu Grunde? Kann man etwas Gutes wollen, aber dennoch Gewalt anwenden?

Besonders schwierig ist es wohl, die Reaktionen unseres nonverbalen Trainingspartners richtig einzuschätzen. Also die Frage, daher der Titel dieses Beitrags, wie äußert ein Pferd „sein Maitta“? Darunter ist in vielen Kampfsportarten das Abklopfen gemeint, das die Grenze der Erträglichkeit bei der Anwendung eines Hebel- oder Würgegriffs des Gegners anzeigt [1] und heißt übersetzt aus dem Japanischen „ich gebe auf“. Dabei wird auf der Matte, am eigenen Körper, oder am Partner abgeklopft.

Parallelen in der Zusammenarbeit mit dem Pferd sehe ich einige, aber es bedarf der einen oder anderen gedanklichen Transferleistung. Meine Aussage ist also bitte nicht so zu verstehen, dass Reitsport ein Kampfsport ist, obwohl folgende Analogien existieren:

Im Kampfsport geht es darum, die vom Gegenüber einwirkenden Kräfte für sich nutzbar zu machen, oder sie so abzuwehren, dass man seine eigene Zentrierung behält und die Energie auf das Gesamtsystem verteilt. Beim Reiten geht es ebenfalls um die Energie zweier Körper, die sich nach Möglichkeit in einem harmonischen und unverkrampften Miteinander bewegen. Denkt man biotensegral, weiß man, dass dies nur dann gelingen kann, wenn man sich über Kraftrichtungen und Spannungsentwicklung im Klaren ist. An dieser Stelle möchte ich auf Marens zahlreiche Erklärungen und Zusammenfassungen verweisen, die das Thema des Gleichgewichts der Kräfte in biotensegralen Strukturen genau beschreiben.

Zurück zum Kampfsport. Eine der bekanntesten Kampfformalisierungen als Partnerübung ist das sogenannte „Pushhands“ [2]. Bei dieser auch als Händeschieben bezeichneten Übung geht es um die Wahrung des zentralen Gleichgewichts. Die Härte der gegnerischen Einwirkung wird durch Flexibilität entkräftet und auf das Gesamtkörpersystem verteilt. ImVideo ist es demonstriert:



Es ist hier sehr gut zu beobachten, wie durch die Veränderung der Ausrichtung die einwirkenden Kräfte auf das Gesamtsystem abgeleitet werden.  Im Video ist die "Korrektur" der kollabierten Ellbogen wunderbar zu erkennen. Hier wird noch einmal klar, das unsere Ge-lenke keine Ge-hebel sind!

Das ist Biotensegrity zum Zugucken und Selbermachen. Bedingung hierfür ist, dass das tensegrale Agieren beider Körper nicht gestört ist. Eine Störung im Sinne einer Kampfhandlung wäre die Anwendung eines Hebelgriffs, der dazu dient, dem Gegner Schmerz anzudrohen, oder anzutun. Es ist also kein Widerspruch zu sagen, dass auch in biotensegralen Strukturen Hebel wirken können. Nämlich dann, wenn Fixierungen von Gelenken ausgeführt werden und dann gewaltsam eine Kraftrichtung erzeugt wird, die entgegen der anatomisch vorgesehenen Bewegungsrichtung verläuft und die der Gesamtkörper nicht mehr in Form von Kraftableitung und Verteilung abwehren kann.

Die fixierten Bereiche wirken dann näherungsweise als Hebel. ABER: Die Anwendung eines Hebels ist somit ein Eingriff ins biotensegrale System und gehört nicht zum physiologischen Bewegungspotential lebender Körper.

Bild 2: Als „Polizeigriff“ bekannte
Hebelanwendung mit Beugefixierung
Bild 1: Hebelanwendung im Judo
mit Streckfixierung






















Eine selbst gewählte Fixierung in Streckung, z.B. im Liegestütz (Bild 3) ist allerdings nicht mit einem Hebel gleichzusetzen, denn es handelt sich hinsichtlich der Kraftrichtung um eine effektive Ausrichtung. Hier findet außerdem keine Fortbewegung statt. Auch ein natürlich gestrecktes Pferdebein ist kein Hebel, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht.

Bild 3: Selbstgewählte Fixierung


Was hat das nun mit dem Reiten zu tun?

Wir müssen uns stets fragen, ob wir unserem eigenen Körper und dem des Pferdes sein natürliches Bestreben nach biotensegraler Wirkungsweise und Bewegungsorganisation zugestehen. Oder ob wir durch unphysiologische Bewegungen, Zwangsmaßnahmen und falsche Bewegungsvorstellungen Bereiche so aus dem Kontext nehmen, dass hebelähnliche Wirkungsweisen entstehen. Können wir Hebel anwenden, wenn wir an Hebel im lebenden Körpern glauben? Wenden wir vielleicht Hebeltechniken „aus Versehen“ an?

Bild 5: Vektoren
Wer beispielsweise die Vorstellung hat, dass das Pferd durch die Beugung/Öffnung seines LSG, durch die verkürzt angespannte Bauchmuskulatur und die untergeschobene Hinterhand seine Vorhand „hochhebelt“ und damit entlastet, glaubt vermutlich an Hebelwirkungen in lebenden Körpern. Das Pferd versucht die Vorstellung der Hebelwirkung umzusetzen und folgt den Aufforderungen soweit es geht, obwohl es dadurch in Bezug auf seine naturgegebene tensegrale Funktionsweise erheblich gestört wird. Ein echter Hebel ist zwar immer noch nicht vorhanden, da kein reeller Festpunkt auszumachen ist. Dennoch entstehen Kraftrichtungen [3] , die anatomisch so nicht vorgesehen sind und zu Gelenküberbelastungen führen, da die Bewegungen nicht mehr aus der natürlichen Nullposition heraus initiiert werden. Am Beispiel der  untergeschobenen Hinterhand ist ein Vektor zu erkennen, der nach hinten zeigt, entgegen der Bewegungsrichtung (ungefähr zu erkennen im Bild 5).
.
Ob „nur“ eine unphysiologische Bewegung abverlangt und ausgeführt wird, oder ob schon eine hebelähnliche Zwangswirkung besteht, kann sicherlich nicht immer klar differenziert werden. So oder so wird aber das tensegrale System derart gestört, dass das Pferd ein Recht auf sein Maitta hat, bzw. hätte, denn ein direktes „Abklopfen“ ist schwer auszumachen. Die Über- und Fehlbelastungen durch hebelähnliche Einwirkungen führen nicht immer sofort zu Schmerz, weswegen sich der Wunsch nach Abklopfen über einen längeren Zeitraum entwickelt und sich nicht nur in Form von sogenannten Widersetzlichkeiten durch Schmerz zeigt, sondern auch in Form von Lahmheiten, Phasenverschiebungen der Bewegungen, Blockierungen, Verspannungen, plastischen Verformungen der Thoracolumbalfaszie [4], dem Effekt der erlernten Hilflosigkeit und offensichtlicher Resignation.

Fazit:

Ja, man kann näherungsweise Hebel anwenden,
als Eingriff ins biotensegrale System. 


Nein, die physiologische Bewegungsorganisation
lässt sich nicht durch Hebel erklären.



[1] Deutscher Judo Bund e.V.: Kampfregeln für den Bereich des Deutschen Judo-Bundes
[2] Dr. Stephan Langhoff: DTB, Deutscher Taichi-Bund - Dachverband für Taichi und Qigong e.V.
[3] Maren Diehl, https://die-pferde-sind-nicht-das-problem.blogspot.com/2020/03/vektoren.html
[4] G. Shin, C. D´Souza in „Spine“ September 2009: Creep and Fatigue Development in the Low Back in Static Flexion

Keine Kommentare: