Donnerstag, 6. Februar 2020

Die Klippen I - Die alten Meister

Was macht es so schwierig, einem Pferd gerecht zu werden?
(Aus Übersichtsgründen nehmen wir mal nur ein Pferd. Und man könnte ebenso einen Menschen oder gar sich selbst an dessen Stelle setzen.)

In den letzten zwanzig Jahren habe ich reiterlich viele Klippen umschifft, und eine der größten war, im Nachhinein betrachtet, die der "Interpretationen der Schriften der alten Meister". Nennen wir sie Klippe I oder Kap der guten Hoffnung II.
Es ist immer sinnvoll, sich mit dem zu beschäftigen, was die Altvorderen für sich ergründet haben, sei es, um es zu übernehmen, sei es um es abzulehnen, anzupassen oder zu widerlegen. Im Vordergrund steht die Hoffnung, dass jemand herausgefunden haben möge, wie es geht und dass man sich dadurch Umwege ersparen könne. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Womit wir heute jedoch primär zu tun haben, sind die Interpretationen der Schriften der alten Meister, mit deren Hilfe beliebige Theorien bombensicher untermauert werden. Wer diese Interpretationen ablehnt, lehnt die alten Meister ab - und das ist ein Sakrileg!

Wer sich auf die alten Meister berufen kann, ist daher unangreifbar für alle, die die jeweiligen Interpretationen sowie die daraus abgeleiteten Theorien und übernommenen Methoden in Frage stellen.

Ich selbst habe mich mit größtem Gewinn, ausführlich und immer wieder, mit Steinbrecht beschäftigt und denke, ihn recht gut zu verstehen. Um nicht einseitig zu werden, habe ich mir auch die 13.Auflage der Grundsätze und Methoden seines Widersachers Baucher erarbeitet.

Für mich persönlich wird bei Baucher die Lösung zum Problem, da er postuliert, das Ziel des Reiters müsse es sein, die Kräfte des Pferdes absolut zu beherrschen, während Steinbrecht zwar auch bedingungslosen Gehorsam anstrebt, dieser sich jedoch aus der absoluten Kontrolle des Pferdes über die seinem Körper innewohnenden Kräfte ergibt.

Wenn es schließlich ums Rechthaben geht, schaue ich mir die Ergebnisse der aktuellen Methoden und ihres ideologischen Unterbaues an. Dieser Betrachtung liegen die Konsenspunkte aus der Gebrauchshaltungskonferenz 2018 zugrunde.

https://die-pferde-sind-nicht-das-problem.blogspot.com/p/konsens-gebrauchshaltungskonferenz.html

Das Ergebnis ist erschreckend. Dazu muss ich nichts mehr schreiben. Wer den Konsens versteht und ihn für sich als Bewertungsgrundlage für gesunde Bewegung anlegt, wird beim Betrachten so gut wie aller Pferdevideos und -fotos deutliche pathogene Haltungs- und Bewegungsmuster erkennen, bei eigenen ebenso wie bei fremden, in Aufnahmen von Profis nicht weniger als bei denen von Amateuren.

Dieses Ergebnis ist schwer zu akzeptieren, wenn man doch glaubt, alles richtig gemacht zu haben. Ich erinnere mich deutlich an den Moment, in dem mir klar wurde, dass irgendwo in meiner Idee von Reiten ein grundlegender Fehler stecken musste, da das Pferd nicht mehr den Berg hinauf galoppieren konnte.... oder später ein anderes unbremsbar vorwärts-abwärts durch die Bahn brummte...

Es ist nicht das Eine besser oder weniger schlimm als das Andere. Es ist beides bei Betrachtung anhand der Konsenskriterien falsch und vor allem ungesund für's Pferd. Dass man die Richtigkeit der Methoden aus den Schriften alter Meister abgeleitet hat oder ganz fest an die Richtigkeit der Interpretation der Schriften alter Meister durch einen selbstgewählten neuen Meister glaubt, ändert leider nichts an dem offensichtlichen Ergebnis!

Mit diesem Ergebnis geht es in wenigen Tagen in den nächsten Posts weiter:
Die Klippen I - Die alten Meister
Die Klippen II - Interpretationen dessen, was ist
Die Klippen III - Die neue Reitweise
Die Klippen IV - Die alles verändernde Therapie

1 Kommentar:

Unknown hat gesagt…

Das Thema der Interpretation der alten Schriften beschäftigt mich derzeit auch. Wie paßt deren Erfahrung und deren Formulierungen zu dem, was wir heute anatomisch/biomechanisch/faszial etc mehr wissen? Wo haben wir eine TECHNIK reininterpretiert, obwohl ggf. nur ein reiterliches GEFÜHL beschrieben worden ist?
Aber man muß auch anschauen, wofür das Pferd ausgebildet werden sollte/ bzw. heute soll. Heute wollen wir ggf. eher einen kongenialen, bewegungskompetenten Partner, der problemlos über Stock und Stein mit uns geht. Früher wollte man vl. vor allem den Kampfgefährten, der unerschrocken und ohne reiterliche Befehle zu hinterfragen, das Seinige auf dem Schlachtfeld tat. Was bedeutet das in der Ausbildung? Die Bewegungskomeptenz wollen wir sicher alle - aber auf welchem Weg? Disziplin oder Selbsterfahrung?
Bin gespannt auf Deine weiteren Gedanken und Ausführungen, Maren!