Mittwoch, 29. Januar 2020

Biotensegrity und Spannung

Ein lebender Körper ist eine Biotensegrität und diese ist, ihrem Namen nach, eine aus Zug- und Druckkräften gebildete Einheit. Wer bereits das eine oder andere Modell in der Hand gehabt hat weiß, dass es große Unterschiede in den Materialien und der Vorspannung geben kann.

Hier kommt dann meistens die leidige Diskussion um Spannung auf, wobei dieser Begriff stark polarisiert und entweder positiv oder negativ besetzt ist. Wertfrei betrachtet kann man sagen, dass Entspannung in Erholungsphasen ihren Platz hat und (Vor)Spannung in der körperlichen Aktivität.

Das System als Ganzes wahrt immer eine gewisse Grundspannung, eine ständige Überspannung ist Energieverschwendung, emotional und physisch belastend und im Sinne gesunder Bewegung selten zielführend.


Wenn ich meinen Körper in Bewegung wahrnehme, vor allem in anspruchsvollen Bewegungen, in denen sich meine Ausrichtung zum Boden oder die Ausrichtung des Bodens zu mir ständig ändert, komme ich mit einer "richtig" eingestellten Vorspannung nicht weit.

Worum es meines Erachtens beim Erleben der eigenen Biotensegrität primär geht, ist, ein Gefühl für die Veränderbarkeit der Vorspannung zu entwickeln. Der Körper kann und muss mit vielen unterschiedlichen Einwirkungen gleichzeitig interagieren.

Je mehr hilfreiche Koordinationsmöglichkeiten im Bewegungsorgan Faszienkörper vorgebahnt sind, um so leichter fallen die physischen Antworten auf die Fragen des Lebens.

Der Körper kann gleichzeitig in verschiedenen Teilen unterschiedlich agieren. In der Kampfkunst kann ich simultan mit dem angegriffenen Körperteil ausweichen und um den Angriff herum angreifen.

Beim Fahrradfahren auf unebenem, rutschigen Untergrund interagiert der Körper durch das Fahrrad  mit dem Boden, das Fahrrad ist die Erweiterung des eigenen Körpers.

Eine aktivierte und vielseitig trainierte Biotensegrität wird von Algorithmen (Verhaltensregeln, klare und eindeutige Handlungsvorschriften, die den Lösungsweg eines Organismus in einer Problemsituation bestimmen) gesteuert, die zu einem Teil genetisch bestimmt und zum größten Teil in der Schule des Lebens erarbeitet sind. Glaubenssätze (Oh Gott, ich falle) sind eine Art negativer Algorithmen, die den Körper kurzschließen und sogar Fernwirkung haben (Pass auf, du fällst gleich).

Ich hoffe, dass dieser Post die Erfahrungswelt erschließen hilft und ermutigt, den eigenen Körper und seine Interaktionen mit der Welt neu zu betrachten.

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