Samstag, 22. Dezember 2018

Biotensegrität und Sprache - es geht weiter:

Die Übersetzung von "Jenseits der Biomechanik - Biotensegrity" ins Englische mit dem Buchtitel "Beyond Biomechanics - Biotensegrity" ist fertig.
Auf den letzten Metern, im bereits fertigen Layout (gut, dass ich das selber mache), habe ich mich entschieden, das Wort "tensegral" komplett durch andere Formulierungen zu ersetzen, weil Joanne Avison mich überzeugen konnte, dass Tensegrität oder Biotensegrität weder Adjektiv noch Adverb sein können. Biotensegrität ist ein Zustand oder "das, was es ist". Also - ein Pferd ist ein Pferd und nicht etwas pferdiges, ein Baugerüst ist ein Baugerüst und nicht etwas baugerüstiges und eine Biotensegrität ist eine Biotensegrität und nicht etwas biotensegrales.
Natürlich kann man mit der Adjektivierung von Substantiven spielen, das macht Spass und bringt oft genialen Wortwitz mit sich. Aber in der korrekten Anwendung sollte das Substantiv verwendet werden.
Ein Pferd bewegt sich demnach nicht tensegral, sondern es nutzt sein Potential als Biotensegrität, was ein kollabiertes Pferd nicht tut. Und dennoch ist auch das kollabierte Pferd eine Biotensegrität.
Es ist etwas kompliziert, ich weiß, aber wenn wir uns mit Biotensegrität befassen, vor allem, wenn wir sie anderen Menschen erklären wollen, muss sich die Sprache mitentwickeln.
Wer jetzt behauptet, das sei kompliziert, weiß nicht, wie gut er es hat, denn ich musste das Ganze erst in Englisch aufdröseln und dann den erahnten Sinn irgendwie ins Deutsche befördern. Aber ich glaube, so wie oben beschrieben ist es jetzt korrekt.
Schöne Weihnachten!

Sonntag, 9. Dezember 2018

Griechisch, Latein und Fachchinesisch

Eine eingehende Betrachtung der genauen Bedeutung des Wortes Biotensegrität und der Wurzeln seiner Bestandteile:

Wir benutzen ständig Wörter, die sich aus anderen Sprachen herleiten lassen, ohne ihrer tieferen Bedeutung auf den Grund zu gehen. Die Verwendung dieser Wörter teilt die Gesellschaft in drei Gruppen: Die, die glauben, keine Ahnung zu haben, worum es geht und sich deshalb früh aus den Diskussionen verabschieden, obwohl sie aus ihrem Erfahrungsschatz sehr wohl Wesentliches beitragen könnten.  Die, die die Bedeutung sprachlich und inhaltlich ergründet und in ihrem Wissens- und Erfahrungsschatz vernetzt haben. Und schließlich die, die denken, sie wüssten, worum es geht und sehr engagiert die Ahnungslosen verwirren und die Nachdenklichen in die Verzweiflung treiben.

Joanne Avison befasst sich sehr eingehend mit der zielführenden und genauen Verwendung von Sprache im Englischen und hat mich durch ihre Anmerkungen zu der Übersetzung meines Buches ins Englische dazu angeregt, mich mit diesem Gebiet eingehender zu befassen. Deshalb zerlege ich den Begriff der Biomechanik als Wirkungsweise lebender Körper ebenfalls, um beiden Begriffen den ihnen zustehenden Platz geben zu können.

"Biotensegrität" ist ein Wort, das im Englischen aus Wortbausteinen griechischer und lateinischer Herkunft zusammengesetzt wurde, um die allen Lebewesen innewohnende Struktur zu beschreiben. Bevor also Biotensegrität zu einer beliebig füllbaren Bedeutungsblase wird, schauen wir uns die Bauteile eingehend an:

Bio - stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Leben". Biologie ist die Lehre (gr. logos) vom Leben. "Bio" als Vorsilbe hat die umfassende Bedeutung von "den Gesetzmäßigkeiten des Lebens folgend".
Tension - stammt von dem lateinischen Wort tendere,  "spannen, ausstrecken, hinlenken". Diese Übersetzung zeigt bedeutend mehr Inhalt als die einfache Übernahme des englischen Wortes "Tension" für "Spannung".
Integrität - stammt vom lateinischen Wort integer, das in diesem Zusammenhang mit "gesund, unversehrt, widerspruchsfrei und vernünftig" übersetzt werden kann und nicht nur als "Einheit", wie es das englische Wort "Integrity" vermuten lässt. Integer selbst ist zusammengesetz aus in und tangere, was in der wörtlichen Übersetzung "unberührt" bedeutet...

In dem kurzen Wort Biotensegrität verbirgt sich also eine den Gesetzmäßigkeiten des Lebens widerspruchsfrei folgend sich spannende, ausstreckende, ausdehnende und hinlenkende gesunde, unversehrte Struktur mit all ihren innewohnenden Fähigkeiten und Fertigkeiten. Daraus folgt, dass Biotensegrität nicht nur in jedem Lebewesen ist, sondern dass jedes Lebewesen eine Biotensegrität ist.

Die Fähigkeiten und Fertigkeiten dieser Biotensegritäten lassen sich beschreiben mit den Begriffen und Berechnungsformeln der Mechanik:

Mechanik - aus dem Griechischen für "Wirkungsweise", ist die Lehre von der Bewegung von Körpern sowie der dabei wirkenden Kräfte. Die Mechanik unterteilt sich in die Teilbereiche der Kinematik (gr. kinesis, "Bewegung"), die die Geometrie der Bewegung eines Körpers mit der Nennung von Ort und Geschwindigkeit beschreibt, ohne dabei einwirkende Kräfte, Massen oder Eigenbewegung zu berücksichtigen und der Dynamik (gr. "Kraft"), die Körper unter Berücksichtigung einwirkender Kräfte betrachtet.
Die Dynamik wiederum unterteilt sich in die Teilbereiche der Statik („Lehre vom Gleichgewicht“, lat. Status - Stand, Zustand), die sich mit dem Kräftegleichgewicht in unbewegten, ruhenden Körpern befasst und der  Kinetik (ebenfalls gr. kinesis, "Bewegung"), der Bewegungsweise, die die Änderung der oben genannten Bewegungsgrößen unter Einwirkung von Kräften und Massen beschreibt. Es wird unterschieden zwischen fortschreitender Bewegung (Translation) und der Drehbewegung (Rotation).

Die Mechanik kann nur das berechnen, was man sieht (selbst wenn man ein Elektronenmikroskop dafür benötigt) und benennen kann. Wenn x+y=z kein in der Realität nachvollziehbares Ergebnis bringt, nachdem man x, y und z zugeordnet hat, fehlt in der Gleichung die eine oder andere Variable, ist der Rechenweg falsch oder das, was man glaubte zu sehen, ist anders als gedacht.

Hier landen wir bei der Problematik "Biomechanik des Pferdes": Solange man Hebel, Stützen und Scherkräfte zu sehen glaubt und berechnet, anstatt sich mit der Kinetik einer Biotensegrität zu befassen, kann das gezeichnete Bild nicht schlüssig werden. Solange man versucht, die Statik eines Pferdes zu berechnen und dabei vergisst, dass diese sich auf die gegenseitige Aufhebung aller einwirkenden Kräfte und die daraus entstehende Bewegungslosigkeit bezieht, wird man dem sich bewegenden Pferd nicht gerecht. Wenn man den Schritt von der Kinematik zur Kinetik nicht schafft, weil die Kinematik einfacher nachzuvollziehen ist oder man sie nicht unterscheiden kann, bleibt ein großer Unterschied zwischen dem, was ist und dem, was sein müsste oder könnte.

Um die motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten von Biotensegritäten zu beschreiben, benötigen wir die Kinetik, angewandt auf die reale, nachgewiesene Anatomie (Faszie, Gelenkspalte, Kraftübertragung und Energiespeicherung durch Weiterleitung und Rotation, etc.).

https://www.spiritbooks.de/verlag/jenseits-der-biomechanik-biotensegrity-maren-diehl/Diese Aufgabe sei den Wissenschaftlern vorbehalten. Aber: Eine Vereinfachung darf nie sinnentstellend sein wie bei den vielen hübschen Zeichnungen von Winkeln und Hebeln im Pferd. Wir können uns bewusst machen, dass wir die unendlich vielen Einzelteile nie erfassen können und dennoch ein recht gut funktionierendes Gesamtbewegungsgefühlsbild entwickeln.

Dabei soll das 2016 veröffentlichte Buch "Jenseits der Biomechanik - Biotensegrity" helfen, was ihm bei ganz vielen Pferdemenschen bereits gelungen ist. Der vorliegende Text ist eine gedankliche Weiterführung, die aus den Diskussionen mit Mitgliedern der Biotensegrity Interest Group in Gent entstanden ist.
 
Wer diesen Post bis zum 20.12.2018 öffentlich auf Facebook teilt, nimmt an der Weihnachtsverlosung von drei Biotensegrity-Büchern teil.