Montag, 28. März 2016

Pferdegeschichten

Heidi Jenkel hat für mich die "Geschichten der Pferde", wie sie sie beim Seminar in Embsen empfunden hat, aufgeschrieben. Die Pferde hatten keine spezielle Aufgabe, außer sich an der Longe zurechtzufinden und mir zu zeigen, wo ihre Probleme sind - und den Teilnehmerinnen Gelegenheit zu geben, die Theorie im wirklichen Leben wiederzuerkennen. Die Tiefe von Heidis Wahrnehmung hat mich sehr berührt, und ich bin dankbar, ihren Text veröffentlichen zu dürfen (auch mit dem Einverständnis der Pferdebesitzerinnen).
 
"Ich war sehr davon beeindruckt, wie du mit den Pferden kommuniziert hast. Und was sie dir alles gezeigt haben. Viele Einzelheiten sind verloren gegangen, aber einiges ist hängengeblieben. Von dem geht für mich der stärkste Reiz aus. Als Beobachterin bin ich natürlich auch die Interpretin, die ihre Version bietet... Bewegung in Sprache umsetzt, Pferdeleben und -ausdruck in das eigene menschliche Verständnis transportiert.
 
Der große Fuchs Feragamo
 
Sein Auftreten war so großartig, so aufgerichtet, so kraftvoll. Er kennt sich aus, er will seinen Job wohl machen, er gilt hier was (das war nicht immer so). Er behält den Hof im Blick, obwohl er den Menschen folgt. Die sind für sein Wohl nicht unwichtig.
 
Irgendwann war ich nur noch von den Bewegungsabläufen seiner Hinterfüße völlig ergriffen. Jeder Tritt eine dermaßene Kraft, dass er jedesmal abspringen könnte, nur mal eben so, meterhoch. Jedesmal ein so-als-ob, und dann wieder einfangen, weil es jetzt nicht gebraucht wird, das ergibt ein ganz eigenes Gangbild, im Trab am deutlichsten. So etwas wie gebremstes Fliegen. Meine Fantasie ist einmal mit mir durchgegangen und ich habe mir in Zeitlupe diesen kraftvollen Absprung der Hinterfüße vorgestellt und konnte den Schub und Schwung und Sprung spüren, das hatte was Euphorisches, Kraft- und Freudvolles. Genauso clever diese kurze Bremsung des Trittes, weil ja jetzt Trab verlangt ist, er ist ja gehorsam, sieht wohl auch ein, dass Springen nicht alles ist. Und er hat darin eine Harmonie für sich gefunden und doch - manchmal ist es mühsam und in meiner Vorstellung tut es irgendwo im Rücken weh, das auf Dauer zu halten, Menschen damit durch enge Kurven zu tragen usw.
 
Er wirkte so froh über diese Möglichkeit sich zeigen zu dürfen und es so gut machen zu können. Für ihn hoffe ich, dass er eine Möglichkeit findet im Trab zu relaxen und dass er genug fliegen darf, ohne harte Landungen (bei der Masse).
 
Mein Kleiner (Eigenname)

Der smarte kleine Ponywallach, der mit Laufen, oder soll man es wetzen nennen, alles erledigt. Mit dem Kopf ganz offensichtlich irgendwo in den Wolken und die Beine machen lassen, irgendwie. So lange du dabei ungefähr im Kreis bleibst, ist bald Feierabend... es war herrlich anzusehen, wie er nach und nach zu sich kam, wie lange das dauerte und dass er es dann doch interessant fand, eine Verbindung zum Menschen zu halten.
 
Was sagt das über seinen Alltag, eine Geschichte des sich-aus-der-Verbindung-ziehens. Gesehen zu werden war für ihn ein zweifelhaftes Vergnügen, aber machbar, ist aber auch nicht sein Alltag. Ihn zu überzeugen, dass er ernsthaft verbunden mit einem Menschen Bewegung erarbeiten kann, scheint eine super Aufgabe, er hätte nichts dagegen... glaubt es aber erst, wenn er es sieht.


Shila
 
Shila geht zuversichtlich in die Longe, Zuversicht ist für sie noch keine Selbstverständlichkeit. Sie macht sich an die Arbeit... etwas hakt ganz klar, etwas ist nicht in Ordnung. Sie ist super aufmerksam und hat eine große Frage. So offen und so beherzt, tapferes Mädchen. Voller Skepsis und doch, vielleicht kann es gehen...
 
Das Thema scheint Schmerz und Angst und Angst vor dem Schmerz in allen Schattierungen zu sein. Sorge macht scheu, Abwehren oder Folgen, Schmerz oder geht es? War der Schmerz da, wird er kommen? Druck macht Angst, manche menschliche Stimmungen auch.
 
Sie war so dankbar für die ruhige Sachlichkeit an der Longe und hat von allen am meisten ausprobiert.
 
(Sie hat auch am zweiten Tag morgens in aller Frühe nochmal gezeigt, was sie alles verstanden hat und ist auch weiterhin gut dabei. Sie hat gelernt, dass Menschen viel verständiger sind, als sie gedacht hatte.)
 
Nadjea

Diese Widerspenstigkeiten, dieses Benehmen und dann diese Ruckfüße. Das arme Tier. Ein Leben, das total aus den Fugen geraten ist. Vermutlich nachdem sie nicht mehr funktionierte. Und Menschen, die mit ihren hilflosen Aktionen nichts für sie bewirken können. Tierärzte, Reiter, Mädchen.
 
Worauf sich die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier aufbaut, die Verbindung, ist für ihr Leben so verstörend uneinschätzbar geworden, die Stimmung um sie herum nicht lesbar, für sie eher diffus feindlich.
 
Sie reagiert mal so, mal so, wann hat es für sie zuletzt einen Sinn ergeben, sich auf eine bestimmte Art und Weise gut zu verhalten? Ihre Beine machen auch sinnlose Bewegungen, die sich ihrer Kontrolle entziehen, oft, zu oft.
 
Eine traurige Geschichte, die noch nicht gewendet werden konnte. (Ein Pferd mit Hahnentritt, das zur Probe am Hof war, jedoch aufgrund der sehr komplexen Problematik zurückgegeben wurde.)
 
Ich weiß noch, dass viel mehr Pferde am Start waren, aber ob die Zeit oder mangelnde Kapazitäten diese Eindrücke gelöscht haben mögen, verloren ist verloren.
 
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass sich nur zeigen kann, wer angeschaut wird, von jemandem, der sehen kann und will. Was mir bestätigt, dass die Frage wichtiger ist als die Antwort, weil sie unseren Blickwinkel bestimmt."

Heidi Jenkel
Fotos (c) Sabine Reifenrath
 
 

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