Sonntag, 12. April 2015

Die Kultur des Nicht Einverstanden Seins beleben

Häng ich mich rein – häng ich mich nicht rein – häng ich mich rein  –  –  –  ja, ich häng mich rein.
 
Erica Franz hat sich mit ihrem Post zu einem offiziellen Video über Clinton Anderson, einen bekannten australischen Westerntrainer, exponiert und sich einem Shitstorm und Hassmails ausgesetzt. Dazu habe ich bereits einen Post auf Englisch verfasst. Da einer ihrer letzten Posts sich mit dem Nicht Einverstanden Sein auseinandersetzt und ich mich erinnere, in meinem Buch ebenfalls genau darüber geschrieben zu haben, werde ich jetzt ebenfalls Stellung beziehen.

Denn das Erschreckendste an den Kommentaren zu Ericas Post war für michwas alles als normal betrachtet wird: „But, he gets results“.

Da reitet ein großer, schwerer Mann zweijährige Pferde, bei denen noch alle Wachstumsfugen der Wirbelsäule und der großen Gelenke der Extremitäten offen sind, mit bis zum Anschlag verbogenen Hälsen und der Ausstrahlung wandelnder Leichen in den Boden hinein. Zeigt Spins und Stops.
 
 „But – he gets results“.

1 Bis alle Wachstumsfugen geschlossen sind, hat ein Pferd, wenn es lange körperlich und psychisch gesund bleiben soll, genug damit zu tun, Tragkraft in freien Gängen auf großen Linien, am besten im Gelände, zu entwickeln. Dadurch trainiert sich der Fazienkörper und damit der Selbsterhaltungstrieb des Körpers, in jeder Situation seinen Raum einznehmen.

2 Es gibt keine biomechanische oder sonstige sinnvolle Begründung dafür, warum ein Pferd dem Gebiss bis hinter die Senkrechte, unter Buggelenkshöhe und über die Marschrichtung der nächsten zwei Tritte hinaus nachgeben sollte.

3 Ein Trab mit Einbeinstütze vorne (im schlimmsten Fall mit Vierbeinstütze) ist kein Trab, sondern ein Zeichen fehlerhafter Ausbildung. Desgleichen Galopp ohne Schwebephase. Und irgendwann auch die Viertakt-Piaffe.

Das sind ein paar Fakten, die man sich bewusst machen sollte. Und dann kann man sich umsehen, wie überall ausgebildet wird. Und mal die Augen aufmachen. Und endlich anfangen, Nicht Mehr Einverstanden zu Sein. Und zwar nicht nur, wenn man solche ganz bösen Videos sieht.

Ein prima Ansatzpunkt ist die Einbeinstütze vorne im Trab. Die ist einfach zu erkennen und ganz wertfrei einfach da. Dann kann man natürlich sagen: Das ist doch überall so. Man könnte aber auch fragen: Warum ist das so, was hat das für Folgen und wie kann man das ändern? Vor allem könnte man zu dem Schluss kommen, dass Ausbildungssysteme, in denen dieses Symptom als normal betrachtet wird, so großartig nicht sein können.

Der nächste Punkt für die Überlegungen zum Nicht Mehr Einverstanden Sein ist die Behandlung des Pferdes als Sklave, als Sportgerät, als zu unterwerfende Gefahr, als Projektionsfläche, als Prestigeobjekt, als Patient, als Plattform für Ego-Performance …

Hier tut sich ein sehr, sehr weites Feld auf, oft vermischen sich diese verschiedenen Rollen, die dem Pferd vom Menschen zugeteilt werden.

In einer echten Partnerschaft mit dem Pferd ist Kommunikation der Schlüssel, eine Kommunikation, die weit über Worte und und auswendig gelernte Halbsätze hinausgeht. Es geht um Raum einnehmen und Raum geben, um Raum verhandeln. Um Persönlichkeitsentfaltung für alle Beteiligten, und nicht um Gelenkwinkelfaltung. ;)  In einer Partnerschaft kann man sich durchaus mal streiten, aber bitte nach partnerschaftlichen Regeln. 
 
Hier kommen wir an den Punkt, an dem es lebensbedrohlich wird, nicht mehr einverstanden zu sein. Zumindest für das Ego. Wenn wir das Pferd nicht mehr klein machen, müssen wir selbst wachsen. Und wenn wir das tun, wachsen wir vielleicht aus unserer eigenen Rolle als Ehepartner, Angestellte, Kumpels, Vereinsmitglieder, Kinder oder nützliche Mitglieder der Gesellschaft heraus. Das wird unbequem. Wachstum zieht Veränderung nach sich.

Wenn wir dem Pferd beibringen wollen, für uns zu kämpfen, anstatt es zu bekämpfen, müssen wir uns überlegen, wofür wir selbst kämpfen. Nicht Mehr Einverstanden Sein bedeutet nicht, dagegen sein, das wäre nur der Anfang. Es bedeutet, sich selbst klar zu machen, wo man gegen sein inneres Gefühl, seine innere Wahrheit handelt. Es bedeutet, sich nicht mehr klein halten zu lassen. Es bedeutet, den inneren Wust aus übernommenen Glaubenssätzen und falschen Schlüssen aufzudröseln, um dann nach Alternativen zu suchen und diese bekannt zu machen.

Nicht Mehr Einverstanden Sein ist eine Lebensaufgabe.
 
Wer sich nicht als Kämpfer, Visionär oder Pionier sieht, kann zumindest mit klarem Verstand entscheiden, wem er warum folgt - und wem nicht.
 
Menschen wie Clinton Anderson und andere werden unwichtig, wenn ihnen niemand mehr folgt, niemand mehr zujubelt und niemand die auf diese Art eingerittenen Pferde kaufen will.

Teilen erwünscht.

Kommentare:

Sabine Sarbacher hat gesagt…

Maren...ich liebe Deine Posts... du schreibst aufklärend, klar, einleuchtend und neutral ( o.k...manche sehen das vielleicht nicht so)
Vielen Dank für DICH

Sabine Sarbacher hat gesagt…

Maren...ich liebe Deine Posts... du schreibst aufklärend, klar, einleuchtend und neutral ( o.k...manche sehen das vielleicht nicht so)
Vielen Dank für DICH