Donnerstag, 1. Januar 2015

Liken oder nicht liken - die Gewissensfrage


Liebe ClickertrainerInnen,

mit euren Gefällt-mir-Anfragen auf Facebook setzt ihr mich langsam unter Zugzwang. ;)  Das hat den Vorteil, dass ich anfange, ins Reine zu denken, um meine bislang eher oberflächliche Abneigung gegen das Clickern begründen zu können. Leicht fällt mir das nicht - also, das Denken schon, aber die Begründung nicht - , weil immer die Gefahr besteht, dass jemand sich persönlich abgelehnt fühlt, vor allem, wenn man einen Account hat, in dem sich Privates und Berufliches vermischen. Für mich ist es ein großer Unterschied, ob ich eine private Freundschaftsanfrage annehme (die verweigere ich nur in Ausnahmefällen, wenn ich keinerlei Bezug zu meiner Person oder meiner Arbeit herstellen kann) oder ob ich eine Geschäftsseite like. Letzteres bedeutet für mich, dass ich hinter den Inhalten und der dargestellten Arbeitsweise stehe – und wenn dem nicht so ist, wird nicht geliked. Unabhängig von meiner Wertschätzung der jeweiligen Person!

Vielleicht könnte man es mit einer Kosmetikwerbung vergleichen: Ich nutze das Produkt nicht, es passt nicht zu mir und meinem Weltbild - also like ich es nicht. Und trotzdem dürfen andere damit glücklich werden. Nicht liken heißt ja nicht, die Existenzberechtigung abzusprechen... Und schon garnicht lehne ich die Menschen ab, die das Produkt nutzen. Ich identifiziere Menschen nicht mit von ihnen verwendeten Produkten. Außer manchmal vielleicht.

Aber nun endlich zur Begründung: Eine grundlegende Frage ist für mich immer, auf welcher Ebene ich mit einem Pferd arbeiten will und wie ich auf dieser Ebene den Zugang finde. Meine Arbeit bezieht sich auf die Selbstwahrnehmung des Pferdes, auf den Faszienkörper, auf das Herzfeld und das Emotionale Erleben, auf die ganzheitliche Entwicklung von Körperintelligenz und auf die Kommunikation zwischen zwei Körpern. Dabei benötige ich bei mir wie beim Pferd eine ausgeprägte ganzheitliche Wahrnehmungsfähigkeit, die nicht kompatibel ist mit dem Konzept von „Richtig und Falsch“.

Obwohl das Clickern rein auf positiver Bestätigung beruht, findet ganz klar eine Bewertung dessen was ist statt, wobei es der Mensch ist, der bewertet und dem Pferd die Rolle zukommt, herauszufinden, was der Mensch für richtig hält. Das Clickern führt das Pferd meiner Meinung nach in eine ungesunde Abhängigkeit von der Sichweise des Menschen und zieht es von der Ebene weg, auf der ich agieren möchte, da es primär die Fressgier und den Intellekt anspricht (letzteres hat durchaus den Vorteil, dass durch die Klarheit der Struktur Klarheit in das Chaos des menschlichen Denkens und Fühlens gebracht wird).

Für das Pferd, das in natürlicher Umgebung den ganzen Tag im Futter steht, gibt es eigentlich keine Futterbelohnung in dem Sinne, dass es von einem anderen Pferd Bestätigung durch Futter erhält – im Gegensatz zu Hunden, denen ein ranghohes Tier den Zugang zum Futter verweigern oder genehmigen kann. In Krisensituationen ist das Streben nach Belohnung beim Pferd nicht stark genug, denn dann geht es nicht ums Fressen, sondern ums (nicht) gefressen werden. Wesentlich für das Nichtgefressenwerden ist die breite Wahrnehmung der Umgebung, die nonverbale Gruppenkommunikation über Herzfeld und Bauchgefühl, eine hohe Körperintelligenz und ein gut trainierter Faszienkörper. Daher erübrigt sich Bewertung wie Belohnung, solange ich genau in diesen Bereichen arbeite, die das Pferd überlebensfähiger machen und ihm ein Gefühl von Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit vermitteln. Das Pferd arbeitet im eigenen Interesse.

Bei meiner Arbeit mit dem Pferd werte ich nicht, sondern biete dem Pferd einen Spiegel, in dem es sich, seine Bewegungen und seine Vorstellung von der Welt wahrnehmen und verändern kann. Ich öffne einen Raum der Möglichkeiten, in dem das Pferd sich selbst erfährt und sogar Traumata abarbeiten kann, wenn nötig.

Zum guten Schluss mag ich den Gesichtsausdruck und die Körpersprache vieler Clickerpferde nicht und bezweifle, dass es ein Zeichen von guter Beziehung ist, wenn ein Wallach voll ausgeschachtet, mit angelegten Ohren und knapp neben ihr in die Luft schnappend, seine Besitzerin vor sich hertreibt (das sehe ich nicht nur bei Clickerpferden häufig, sondern auch bei vielen anderen „spielerischen“ Methoden).

Nun wisst ihr, warum ich persönlich Clickertraining nicht mag, auch wenn es viele Bereiche gibt, in denen es funktioniert, vor allem in der Auflösung negativer Verhaltensmuster und der Erarbeitung von zirzensischen Lektionen.

Für mich ist es nichtsdestotrotz interessant, mit Clickerpferden zu arbeiten und mit ClickertrainerInnen die unterschiedlichen Zugangs- und Wahrnehmungsebenen zu erforschen.

Kommentare:

Taunusreiter hat gesagt…

Ich lese hier nicht oft, aber wenn, dann finde ich, im Unterschied zu vielen anderen Pferde-Blogs, immer etwas lesenswertes.
Danke für diesen nachdenklichen Artikel über das Clickern, Maren.
Dir fällt das Denken (und Beschreiben dieser Gedanken) offenbar leichter als mir, obwohl ich im allgemeinen auch nicht auf den Kopf gefallen bin. Aber vielleicht, soweit es das Clickern betrifft.
Jedenfalls finde ich meine eigene, eher gefühlsmäßige Ablehnung der Clickerei am Pferd, in diesem Beitrag erstmalig in Worte gefasst. Ja, ich möchte mein Pferd auch nicht ständig "werten", und ihm/ihr eher eine Möglichkeit sich zu entfalten bieten. Ich möchte es eigentlich überhaupt nicht "dressieren", vielmehr freue ich mich über jeden Ausdruck naturbelassenen Verhaltens. "Mein kleines Wildpferd" ist einer meiner liebsten Kosenamen.
Im Großen und Ganzen benimmt sich mein Pferd überhaupt so, dass ich den Eindruck habe, es versteht meine "positiven Verstärkungen" (mit Stimme, Streicheln usw) ganz gut. Ich habe noch nie ein Pferd gehabt dass so gut auf Worte hört, und achtgibt. Natürlich gibt es bisweilen auch Verhaltensweisen die ich als unerwünscht tadle, wenn ich nur z.B. ans Festziehen des Sattelgurts denke. Soll ich da zum Clicker greifen und das Ohrenanlegen abdressieren? Oder soll ich das nicht besser als Hinwei nehmens, den Gurt langsamer anzuziehen, nach weicheren Gurten oder Unterlagen zu suchen etc?
Und so ist es bei allem. Die Frage ist doch: was steht bei unserer Beschäftigung mit dem Pferd im Vordergrund? Das Pferd oder unsere eigene Werthaltung?

M.aren hat gesagt…

Danke!

S. Martini hat gesagt…

oh, so schade, dass clickern nur auf trainieren und bestechen und dem Pferd vorschreiben, was richtig und falsch ist, beschränkt wird. Gerade die Beispiele im Kommentar zum Gurtzwang zeigen, dass Clickertraining bzw. positive Verstärkung überhaupt nicht verstanden wurde.

Ich kann einem Pferd den Gurtzwang nicht abclickern, wenn ich den Clicker nicht als Allerheilmittel sondern als Kommunikationsbrücke anwende und das Ohrenanlegen beachte und die Ursache desselben suche. Und Ursachenforschung wird bei Vertretern der "pferdegerechten" Kommunikation auch nicht immer und überall gross geschrieben. Warum sonst gibt es so viele - nicht geclickte (!) - Pferde mit Gurtzwang (um beim Beispiel zu bleiben)? Ein geclicktes Pferd, wenn es richtig gemacht wird und HIER liegt der Hase im Pfeffer, wird lernen, dass es sein Unwohlsein ausdrücken DARF und - und hier liegt ein grosser Unterschied - dass der Mensch hierauf reagiert und Rücksicht nimmt.

Und dann z.B das Satteln und das angurten nochmal komplett von Anfang an neu aufbaut, auf Auslöser achtet, diese adressiert (z.B. durch Osteopathenbesuch, etc.). Gerade durch das Aufschlüsseln einer Aufgabe wie dem Sattel in zig winzig kleine Einzelschritte kann eine Ursachenforschung effektiver betrieben werden als bei Training mit negativer Bestärkung.

Auch bedeutet Clicker nicht immer Futter. Die Theorie hinter dem Clicker heisst positive BESTÄRKUNG, nicht Füttern. Ein Bestärker kann alles sein, was dem Pferd in dieser Situation Wohlbehagen vermittelt. Futter, ja, ist ein starker Bestärker. Genauso kann ein kraulen ein Bestärker sein oder ein weiter gehen bei sehr gehwilligen Pferden. Gerade bei Hunden kann z.B ein positiver Bestärker z.B. ein Zerrspiel sein, das situationsabhängig sogar gegenüber Futter bevorzugt wird. Hier liegt es wieder am Menschen zu erkennen, WAS in welcher Situation vom gegenüber Tier als Bestärker am besten akzeptiert wird.

Und Entfaltung ist unter Clicker sehr wohl möglich. Wo sonst gebe ich durch's freie Formen von Verhalten einem Tier die Möglichkeit, eigene Ideen zu entwickeln und in die Zusammenarbeit mit dem Menschen einzubringen? Doch wohl bitte nicht bei Natural Horsemanship, wo dem Pferd die Wahl bleibt, auf Druck zu weichen oder nicht. Nein, halt, wenn das Pferd sich für die Variante entscheidet, dem Druck nicht zu weichen, wird der Druck erhöht, bis das Pferd weicht. Also hat es nur eine Möglichkeit, nämlich immer zu weichen, weil ein Alternativverhalten nur mit Druckerhöhung beantwortet wird. Beim Freiformen kann ich als Mensch entscheiden, ob mir eine Idee, die das Pferd anbietet, besser gefällt als mein ursprünglicher Plan und mit dieser Idee weiterarbeiten oder daraus eine ganz neue Lektion entwickeln - die vom Pferd selber initiiert wurde.

M.aren hat gesagt…

Zurück zum Thema: Bewegungslernen (funktional, nicht isoliert), Schwung, gemeinsame Bewegung, Körperkommunikation, Impulsfreies Longieren - das sind die Aspekte, von denen ich behaupte, dass man sie nicht mit Clickern erreichen kann. Das ist ja auch der Grund, warum ziemlich viele Clickerer von mir wissen woll(t)en, wie das funktioniert: Weil sie gemerkt haben, dass ihnen da etwas fehlt. Ich habe nie bestritten, dass Clickern in vielen Bereichen funktioniert. In meinem Arbeitsbereich geht es, wie bereits mehrfach erwähnt, um andere Kommunikationsebenen, und da stört geclickere einfach. "Freiformen" bringt es auf den Punkt: Die Pferde nehmen eine "Form" ein, in der sie Bestätigung bekommen. Ich arbeite mit Funktion. Großer Unterschied!

S, Martini hat gesagt…

behaupten heisst nicht wissen. Haben Sie sich schon mit den Clickerprofis, wie z.B. Kurland, Prior, etc. unterhalten? Oder nur mit Clickeranwendern?

M.aren hat gesagt…

Das ist der Grund, warum ich die Posts aus Facebook herausgenommen habe. Weil keiner zur Kenntnis nimmt, dass es einfach um meine Meinung geht. Ich habe einen Weg gefunden, für den ich das Clickern nicht benötige sondern (in genau diesem Zusammenhang) eher als störend empfinde. Ich habe keinerlei Bedürfnis geäußert, mehr über das Clickern wissen zu wollen. Warum findet hier ständig eine Zwangsbelehrung statt? Kann man eine Meinung einfach mal als Meinung stehen lassen? Das nimmt ja schon missionsartige Züge an. Ich kann es überhaupt nicht leiden, missioniert zu werden und kann versichern, dass es bei mir auch noch nie funktioniert hat. Meine Meinung steht nicht zur Diskussion. Der Text ist eine Information für die, die es interessiert. Punkt.

S. Martini hat gesagt…

Oh, Punkt! Tolles Argument.

Warum nicht mal wirklich mit den Profis sprechen und die jeweils eigenen Erfahrungen vergleichen? So dürfte wahrscheinlich für beide Parteien viel Lernbares zu finden sein.

Was man davon dann für sich selber mitnimmt, bleibt ja offen. Aber evtl. ändert sich die Sichtweise (beider Parteien) für bestimmte Bereiche zur Bereicherung der Arbeit mit dem vierbeinigen Partner.

M.aren hat gesagt…

Langsam kommen mir Zweifel, ob Sie überhaupt beide Clickerposts gelesen haben. Und zwar mit Herz, Körper und Verstand. Dieser hier war nur der erste, beide finden sich hier: http://die-pferde-sind-nicht-das-problem.blogspot.de/p/clicker.html
Ich kann in Ihren Kommentaren keinen inhaltlichen Bezug erkennen zu dem, was ich im Einzelnen geschrieben habe. Und ich verstehe nicht, warum ich eine Methode lernen sollte, Probleme zu lösen, die ich nicht habe - auf einer Ebene, auf der ich nicht arbeiten möchte?