Sonntag, 14. Dezember 2014

Der Raum der Möglichkeiten

Die Arbeit mit Pferden im Rahmen von Seminaren ist immer wieder überraschend, erfreulich, erstaunlich und wunderbar. Ein mir fremdes Pferd an die Longe zu bekommen und – nachdem ich erzählt bekommen habe, wie dieses Pferd sei und welche Probleme es habe – es persönlich zu fragen, wie es ist, wie es ihm geht und was es möchte, ist jedesmal eine Entdeckungsreise.

Zuletzt war es Sonny, die mich so erstaunt hat. Eine träge wirkende Rappstute, vor etwa einem Jahr als "schweres Warmblut" gekauft. Zwölf Jahre alt, „angefressen“ mit kurzer Stehmähne auf dickem Hals, schwere, große Hufe, halb geschlossenen Augen und offensichtlich schlecht gelaunt. Scheinbar desinteressiert stand sie am Reitplatz angebunden, während ich mit anderen Pferden arbeitete. Ihr offizielles Problem: Sie kann auf der linken Hand nicht galoppieren.

Der Kappzaum, der von Shetty bis Schwarzwälder Fuchs alles kann, passte gerade eben an den großen Kopf. Meine Frage, die ich einem fremden Pferd stelle, scheint zu lauten: „Und was sagst du dazu?“ Sonny ging knapp zwei Runden im Schritt und als am Zaun jemand sagte: „Du fängst ja auf ihrer schwierigen Hand an“, galoppierte sie auf der linken Hand los. Explosiv, nicht besonders schön, auch nicht gerade leicht in der Hand, aber Linksgalopp. Als wollte sie sagen: „Blödsinn!“

Was danach kam, war in meinen Augen befreiende Traumaarbeit (Pferde arbeiten Traumata durch Bewegung ab). Sie zeigte im Trab Bewegungen, die ich sonst am ehesten mit dem morgendlichen Austoben der Hengste in Lipica verbinde, die dort auch „Ihre Zeit“ an der Longe haben durften. Wie das dort heute ist, weiß ich nicht. Sonny jedenfalls gab alles. Von beeindruckenden Luftsprüngen über unglaubliche Schulterfreiheit und einen schwingenden Rücken bis zu einem locker in Bewegungsrichtung schlängelnden Hengsthals. Auf beiden Händen, leichtfüßig – toll.

Sonny zeigte uns, wie sie sein könnte. Sie nutzte den Raum der Möglichkeiten für sich, frei von Vorgaben und sich über alle negativen Glaubenssätze ihre Person betreffend hinwegsetzend. Am liebsten hätte ich sie eingepackt und mitgenommen!

Es wird sicher interessant, wenn sie jetzt in der dreimonatigen Winterpause des Schulbetriebes regelmäßig zweimal wöchentlich „ihre Zeit“ bekommt, um sich zu entfalten. Solche Pferde brauchen keine „Korrektur“, sie brauchen Spielraum, den Raum der Möglichkeiten! Das war vermutlich die wesentlichste Erkenntnis dieses Seminars und es freut mich sehr, dass diese zwei Tage am Anfang der Winterpause stattgefunden haben, so dass sich jetzt auch für die Pferdebesitzerin und ihre anderen Pferde ein Raum der Möglichkeiten auftut.

Einfach schön!


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