Mittwoch, 8. Oktober 2014

Gebäudefehler?

Um ehrlich zu sein: ich mag diesen Begriff nicht. Er legt Pferde darauf fest, so zu sein, wie sie gerade sind, er dient als Ausrede für fehlendes Training, falsche Ausbildung, unpassende Vorstellungen und reiterliches Unvermögen. Er zementiert einen Status Quo, ohne Entwicklungschancen aufzuzeigen.

Der Begriff Gebäude bezieht sich vornehmlich auf die knöcherne Struktur, und die ist, was die Größenverhältnisse der Knochen und die Gelenkwinkel angeht, bei allen Pferden nahezu gleich. Dazu kommt die Erbveranlagung bezüglich Größe und Muskulatur.
 
(c) Maren Diehl
Natürlich sieht ein Araber anders aus als ein Friese. Gut trainiert sehen jedoch beide aus wie ein gut trainiertes Pferd mit einem guten Gebäude. Habe ich da gerade verschiedene Ja, aber...!s gehört? Dann bleibe ich einfach bei einer beliebigen Pferderasse. Sucht euch eine aus.

Nehmen wir einfach fünf verschiedene Pferde: Nummer 1 ist ein vierjähriger Hengst, auf einer großen Jungpferdekoppel mit anspruchsvollem Gelände aufgewachsen. Nummer 2, im gleichen Alter, jedoch früh gelegt, ist aus Privatzucht und bei Mama auf einer ebenen Wiese in doppelter Reitplatzgröße groß geworden. Nummer 3 hat vor zwei Jahren sechsjährig eine schwere Hufrehe durchgemacht. Nummer 4, zwölf Jahre alt, wird vorwiegend in versammelnden Lektionen geritten, Nummer 5 hat eine Pleasurehorse-Ausbildung.

Selbst wenn diese Pferde Klone wären, würden sie sich im „Gebäude“ sehr offensichtlich unterscheiden. Da ein lebendiger Körper immer ein Bild seiner eigenen Geschichte wiedergibt, kommen verschiedene Signaturen von Lebensereignissen und -phasen dazu. Zu schwere Reiter, zu frühe Belastung, Unfälle, Krankheiten, zu üppige oder zu magere Ernährung: All das hinterlässt Spuren. Dazu kommt die Wirkung der Psyche auf den Körper. Hat das Pferd genügend Anregung und Gesellschaft, hat es seinen Stolz behalten? Kann es seine Umgebung überblicken? Und mit welchen Menschen hat es zu tun?

Das Exterieur eines Pferdes spiegelt nicht nur seine Abstammung, sondern vor allem seine persönliche Geschichte wieder. Mit all ihren Aspekten.

Wenn ich mit einem Pferd anfange zu arbeiten, schreiben wir gemeinsam ein neues Kapitel ins Lebensbuch. Dieses Kapitel schließt an die vorangegangenen Kapitel an und baut auf ihnen auf. Ich lese die vorherigen Kapitel so gut ich es vermag, aber sie sind (hoffentlich) abgeschlossen.

Ein neues Kapitel können wir nur schreiben, wenn wir eine Idee haben, wohin der Weg führen soll, da der Ist-Zustand das Ergebnis der abgeschlossenen Kapitel ist. Der Ist-Zustand ist ein Punkt auf der Zeitleiste, von dem aus ich mich mit dem Pferd in die Veränderung bewege.

Am schnellsten ändern sich die Lebens- und Arbeitseinstellung. Ein wichtiger Schritt. Dann ändert sich das Verständnis des Pferds für seinen Körper und dessen Möglichkeiten. Und dann, im Laufe der Monate und Jahre, ändert sich das Exterieur. Stressmuskulatur verschwindet, Kraft und Schwung entwickeln sich – gemeinsam mit einer glatten, ganzheitlichen Muskulatur und der Erneuerung des Faszienkörpers. Die Bewegungen werden leichter und sicherer, der falsche Knick verschwindet zusammen mit dem Knubbel auf der Lendenwirbelsäule.

Das ganze Pferd verändert sich und damit auch das Gebäude. Die Fehler waren nicht dem Skelett anzulasten oder dem Erbgut. Ein Pferd kann sich genauso ändern wie ein Mensch. Vielleicht sogar einfacher, da das Pferd durch die Gewohnheiten des Menschen geworden ist, wie es ist und nur zum geringen Teil durch seine eigenen Gewohnheiten. Jedes Pferd, dessen Lebens- und Bewegungsfreude sich noch wecken lässt, kann sich verändern.

Keine Kommentare: