Donnerstag, 22. Januar 2015

Reiten oder nicht reiten



Wenn ich Bücher über das Reiten lese, führt das immer dazu, dass ich meine eigene Position überprüfe und genauer hinschaue. Zuletzt habe ich Maksida Vogts Buch "Wo ist die Reitkunst?" gelesen und festgestellt: Wir sehen vieles ähnlich, aber wir ziehen unterschiedliche Schlüsse.
 
Die Zahl derer, die nicht mehr reiten, weil sie das ihrem Pferd nicht antun wollen, wird immer größer. Für mich ist das eine sehr persönliche Entscheidung, die jeder für sich trifft und ich bin selbst auch lange nicht geritten, während ich für mich und meine Arbeit an Veränderungen gebastelt habe. Mir fällt nur auf, dass das Reiten, das aufgegeben wird, das Reiten, von dem meistens die Rede ist, ein ganz anderes ist als jenes, welches ich für erstrebenswert halte. Man muss sicher nicht jedes Pferd reiten. Es macht keinen Spaß, Pferde zu reiten, die dazu keine Lust haben. Es gibt aber durchaus Pferde, die Freude an der gemeinsamen Bewegung und dem dadurch vergrößerten Aktionsradius haben, die dem Konzept von „Reiten im gegenseitigen Einvernehmen“ etwas abgewinnen können. Verhandeln statt Kontrolle durch Zwangshaltung. Dieses Reiten setzt allerdings voraus, dass man mit vollem Einsatz einen neuen Weg sucht, sich selbst geistig und körperlich umbildet und auch dem Pferd einen anderen Weg und eine andere Einstellung zeigen kann. Damit kann man durchaus auch Pferde überzeugen, die sich bereits eine Meinung gegen das Gerittenwerden gebildet haben.
 
Im letzten Jahr war ich mir auch nicht mehr so sicher, ob ich noch reiten möchte, aber zwei Erlebnisse in den USA haben mir gezeigt, dass die Pferde durchaus mit uns gemeinsam wachsen wollen. Das erste war die Begegnung mit dem Indianerpony N.D. (sprich: Enndie), ein kleiner, zäher, bei unserer ersten Begegnung extrem schlechtgelaunter Fuchswallach, der in der Pine Ridge Reservation in South Dakota lebt. Die Pferde werden dort, wenn sie gebraucht werden, zu Fuß(!) in der Prairie eingesammelt. Wer sich verdrückt, muss nicht arbeiten, er wird seinen Grund haben. Am Ende des dreitägigen Rittes durch Badlands und Prairie wurden die Pferde abgesattelt, abgetrenst, gelobt, bedankt – und in die Prairie entlassen.
 
Ich war N.D. sehr dankbar für die Erfahrung, unsere unterschiedlichen Welten und Vorstellungen in Einklang gebracht zu haben. Für die Erfahrung, in einem vollen Galopp bergauf und bergab in der absolut nicht ebenen Prairie jeden einzelnen Pferdefuß so genau zu spüren, als wäre er mein eigener und mit einem Snaffle with Shanks (finde ich eher gruselig) eine gleichzeitig präzise, nicht störende und gleichmäßige Verbindung zum Pferdemaul zu halten. Zu spüren, wie das Pferd mir und meiner Balance und meiner Kommunikation immer mehr vertraut, ohne seine eigene Meinung jemals aufzugeben. (Zu dieser Meinung gehörte unter anderem, dass der beste Platz in einer Gruppe entweder ganz vorne oder fünfzig Meter seitlich ist und dass nur Feiglinge und Idioten bergab bremsen, anstatt den Schwung für den nächsten Berg zu nutzen.

In Punkt 1 und 2 waren wir uns ohnehin einig, bei Punkt drei ergaben die Verhandlungen, dass meine Idee vom „Wie“ durchaus brauchbar und deutlich angenehmer war als „Reiter lehnt sich zurück und hält sich am Sattelhorn fest“. Im Gegenzug bekam ich begrenztes Mitbestimmungsrecht beim „Wann“ zugesprochen. „Zügel kämmen“ fand er absolut faszinierend, damit ließ er sich immer von seinem eigentlichen Vorhaben, sich unbedingt durchzusetzen, ablenken.)
 
 
N.D. hatte also am Abend des dritten Tages seinen Job erledigt und marschierte Richtung Freiheit. Ich marschierte zur Getränkebox. Als ich mich mit der Wasserflasche in der Hand umdrehte, stand das Pony wieder hinter mir, um mir nochmal zu sagen, dass es mit mir echt ganz ok und nicht uninteressant gewesen sei. Er stand noch etwa zwei, drei Minuten entpannt bei mir, um sich dann endlich der Prairie zuzuwenden... Das hat mich wirklich gerührt, vor allem, weil es ganz sicher nicht um Futterbelohnung ging.
 
Das zweite Erlebnis hatte ich mit einer wild aufgewachsenen Mustangstute, mit der ich mich im Roundpen unterhalten durfte, nachdem sie dem Pferdeflüsterer in der ersten Trainingseinheit ihres Lebens nachdrücklich mit Zähnen und Hufen gezeigt hatte, wie sie sich interspezielle Kommunikation nicht vorstellt. Ich durfte übernehmen, als die Stute mit Knotenhalfter und Dreimeterstrick „frei“ im Roundpen stand. Nach etwa zwanzig Minuten hochkonzentrierten Seins und Nichtstuns ließ sie sich von mir am Kopf anfassen und folgte mir sowohl am Strick, den ich jetzt ein- und aushaken durfte, als auch ohne. Keinerlei Panik, keine Aggression – sie hatte vorher nur auf ihre Art und durchaus angemessen klare Grenzen gesetzt. Sie fing an, sich für mich zu interessieren nachdem klar war, dass ich diese Grenzen respektierte. Faszinierende 100% Pferd. Der Besitzer hat mir geschrieben, dass die Stute wieder frei läuft und nicht weiter gearbeitet wird, weil sie den Spirit, den sie an diesem Tag in ihr gesehen hatten, nicht zerstören wollen. * freu * Ich hätte mir jedoch vorstellen können, mit ihr gemeinsam auch bis zum Reiten zu kommen. Es wäre ein interessantes Projekt geworden, da die Stute ein sehr genaues Gespür für "sanfte Gewalt" hatte, die sie einfach als Gewalt einstufte und beantwortete, während sie gleichzeitig sehr neugierig und kommunikationsbereit war und Herausforderungen so, wie sie ihr begegneten, annahm.

 Für mich bedeutet Sein mit Pferden inzwischen eine gemeinsame Entwicklung sowie ein gemeinsames Wachstum auf allen Ebenen - und dazu gehört auch der physische Körper, der sich in Verbindung mit einem anderen Körper erfahren will. Deshalb ist es, um reiten zu "dürfen" nicht ausreichend, das Pferd zu trainieren. Der eigene Körper ist oft das schwierigere Pferd!

 


Fotos von der Schimmelstute: (c) Barbara Fuchs, Jürg Klopfenstein

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