Dienstag, 4. November 2014

Trageerschöpfung - ein letztes Mal:

Das Thema Trageerschöpfung ist nun auch bei Cavallo angekommen (etwa vier Jahre nach dem Erscheinen des Buches „Illusion Pferdeosteopathie“ von Tanja Richter, in dem ich diesen Begriff erstmals gelesen habe). Da ich bei der Bildung des Cavallo-Kompetenzteams leider gerade in Urlaub war, reiche ich das, was ich aus meiner Sicht ergänzend zu dem Artikel in der Novemberausgabe 2014 beizutragen habe, als Blogpost nach.


Trageerschöpfung ist der Oberbegriff für eine Disbalance in Skelett und Bewegungsmuskulatur des Pferdes, die sich einerseits in Krankheitsbildern* und Rittigkeitsproblemen**, andererseits in mangelnder Leistungs-bereitschaft und Arbeitsfreude, schlechter Sattellage und fehlerhaftem Muskelaufbau zeigt.
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* Kissing Spines, Hufrolle, Muskelatrophie, Verspannungen, Erkrankungen der Atemwege, Sehnenschäden, Arthrose, Schwerfuttrigkeit etc.
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** Fehlender Schwung, Taktfehler, Stolpern, hölzerne Bewegungen, schwerfällige Übergänge, schlechtes Bergabgehen bis zur Verweigerung, Scheuen etc.

(Text aus dem Seminarprogramm 2012/13)
Trageerschöpfung ist sicher kein Gespenst, das „durch die Pferdewelt geistert“ (Cavallo), sondern ein Begriff, der für ein umfassendes weltweites Ausbildungs- und Trainingsproblem steht. Man kann mit jeder Reitweise sein Pferd mit und ohne Gewalteinwirkung in die Trageerschöpfung reiten, wobei die Veränderungen im Exterieur differieren können, das Ergebnis jedoch das Gleiche ist. Das FN-Pferd hat vielleicht eine nach hinten ausgestellte Hinterhand mit schleppenden Füßen, das Westernpferd hat ein verkrampft abgekipptes Becken mit steifen Hinterbeinen, verschiedene Barock- und Klassikpferde winkeln zwar die Hinterbeine, hängen aber zwischen den Vorderbeinen, was sie durch hohe Aufrichtung im Hals kompensieren. Bilder gibt es dazu viele.

Das zentrale Problem aller Pferde in allen Reitweisen ist, dass ihnen zwar Gehorsam beigebracht wird, sie lernen, eine bestimmte Form einzunehmen und ihre Füße dorthin zu setzen, wo der Mensch sie gerne hätte, sie heben die Füße, sie stoppen, spinnen, piaffieren. Aber eines können sie nicht: Tragen. Die Pferde sind nicht vom Tragen erschöpft, sie sind vom ERTRAGEN erschöpft.

Sie können nicht tragen, weil ihnen nicht beigebracht wurde, ihre Schubkraft zu nutzen und in der Körpereinheit selbst zu kontrollieren. Die Schubkraft wird meistens neutralisiert, weil das einfacher ist. Das Becken wird abgekippt, die Hinterfüße sollen untertreten, das Pferd soll die Hinterfüße heben und wenn das Pferd mal schieben darf, landet der Schub in der eisernen Reiterhand, im Nichts oder im Hebelgebiss, ohne dass das Pferd eine Chance hat, mit seiner Kraft etwas anzufangen. Die Pferde können nicht tragen, weil sie nicht lernen, sich ganzheitlich zu bewegen und ihren Faszienkörper zu nutzen. Allein mit Muskelkraft kann ein Pferd nicht tragen. Die Faszie muss ins Schwingen kommen, und das Pferd muss seinen Schwung und seine Kraft geordnet gegen das Reitergewicht richten lernen. Diese Kraft haben die meisten Reiter leider nur ungeordnet kennen und daher fürchten gelernt: beim Buckeln, wenn das Pferd einen Befreiungsschlag landet. Deshalb die Angst vor der authentischen Kraft des Pferdes.
 
Ganz wichtig: es sind nicht „die Anderen“, um die es hier geht. Wenn Sharon-May Davis bei 100% aller gerittenen und gefahrenen Pferde Ellbogenarthrose befundet, wenn im Cavallo-Artikel Frau Dr. Kutscher bei 90% aller Pferde mindestens die Tendenz zur Trageerschöpfung sieht, dann sind das nicht nur die paar Freizeitpferde, die durch Unterforderung trageerschöpft sind, dann sind das nicht nur die paar Turnierreiter, die ihre Pferde platt reiten, nicht nur die bösen Westernreiter mit ihren langen Sporen und den katzbuckeligen Pferden, es sind nicht nur die Barockreiter, die schwunglos aber stilvoll und in Haltung ihre Bahnen ziehen, auch nicht ausschließlich die das Pferd mit leichter Hand zusammenstauchenden Legerté-Reiter. (Ich hoffe, alle gängigen Vorurteile gleichmäßig bedient zu haben.) Es ist ein flächendeckendes, reitweisenübergreifendes Problem, das seine Ursachen in falsch verstandener Biomechanik und dem Unwissen bezüglich der Funktion des Faszienkörpers hat.

Das Problem ist im Reiterkopf und im Reiterkörper, in den Denk- und Bewegungsmustern. Reitweise, Pferderasse, Alter – unerheblich. Man kann die Trageerschöpfung nicht wegfüttern, nicht wegbehandeln, nicht wegraspeln oder beschlagen. Korrekte Fütterung, Hufbearbeitung, Haltung, Sättel und Behandlung können vorbeugen und den Weg frei machen, aber kein Pferd zum Tragen bringen.
Ein Pferd kann nicht deshalb tragen, weil es ein Pferd ist. Wir Menschen sind in der Pflicht, den Pferden das Tragen beizubringen, anstatt ihnen alles abzugewöhnen, was den Reiter zu gefährden scheint.
 
Wer sich mit Biomechanik befasst, muss nach den Hebeln suchen, die dem Pferd das Tragen ermöglichen, und nicht nach den Hebeln, die es den Reitern ermöglichen, das Pferd in eine bestimmte Form zu bringen oder es mechanisch zu kontrollieren.

Wie gut auch immer man sich in der Biomechanik auskennt, nur in Verbindung mit fundiertem Wissen über den Faszienkörper und eigenen Erfahrungen aus einem selbst absolvierten Faszientraining (nicht Faszienbehandlung!) kann man ein Pferd nachhaltig in seine Kraft bringen.

Abschließend noch ein Zitat von Frau Dr. Kutscher aus dem Cavallo-Artikel: „Dass soviel Trageerschöpfung entsteht, hat mit uns Fachleuten zu tun. Viel zu wenige unter uns können etwa Bewegungsmuster so umkoordinieren und nachhaltig stabilisieren, dass die Tiere sich optimal bewegen.“ Also – ich kann das und ich bringe es mit Begeisterung jedem bei, der es lernen will.

Mit diesem Text verabschiede ich mich aus der Diskussion um die Trageerschöpfung und wende mich erquicklicheren Themen zu. Wie man Pferde das Tragen lehrt, beispielsweise, oder wie sich Biomechanik und Faszienwissen vermitteln lassen, durch welche Bilder man die alten, nicht zielführenden Vorstellungen ersetzen kann und und und...

Ja, meine Lieben, auch dieser Text ist wieder wenig diplomatisch und vermutlich auch wenig werbewirksam. Aber mal ernsthaft: Darum geht es auch nicht. Unsere Welt ist einfach überpädagogisiert. Trageerschöpfung will ich weder schön reden noch ist es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich niemand schlecht fühlt. Meine Aufgabe ist es, das Problem zu benennen und denen, die danach suchen, Lösungen anzubieten. Was ich tue..

Kommentare:

Conny hat gesagt…

Ich habe auch ein Pony mit einem stark abgesenkten Rücken übernommen und versuche stätig "aufzubauen". Ich longiere mit Kappzaum, arbeite an der Biegsamkeit und Seitengängen. Welche Dinge sollte man bei der Arbeit nach Ihrer Sicht tun und beachten um dem Pferd das Tragen zu lernen?

M.aren hat gesagt…

Die Antwort auf diese Frage sprengt leider den Rahmen eines Kommentars. Biegsamkeit und Seitengänge fördern nicht unbedingt die Tragkraft. Vielleicht liest du ein wenig im Blog (ich empfehle die Seite "Posts nach Themen"), dort steht einiges, was hilfreich sein könnte.

Nadja hat gesagt…

Wir haben den Doppelgänger zu dem Foto im Stall. Sehr interessanter Text. Mal schaun, wie weit ich mich in das Thema einarbeiten kann. VG!

Anna Niering hat gesagt…

Sehr interessant, ich würde gern mehr darüber lesen/ hören. Empfehlen sie gezielt Kurse oder Literatur zum Thema? Vor allem ist mir gerade nicht klar ab wann es richtig ist. Wann schwingt denn eine Farzie?
Danke für den Artikel! Vg

M.aren hat gesagt…

Wenn Sie wissen wollen, was ich mache, empfehle ich mein Buch (Bestell-Link in der Seitenleiste des Blogs), über Faszientraining hat Robert Schleipp gerade ein gutes, verständliches Buch herausgebracht und auf meiner Termineseite entsteht gerade der Seminarplan für 2015.

Texas Lady hat gesagt…

Hmmm, wenn man Frau Kutscher als Expertin nennt, muss ich mich fragen ob es um das Wohl des Pferdes geht oder eher um Panik zu machen und damit Geld zu verdienen. Ich bin mir wirklich nicht sicher. Möchte nichts unterstellen, ist doch fragwürdig für mich. Dies ist meine subjektive Meinung dazu.

M.aren hat gesagt…

Ich kenne Frau Kutscher nicht persönlich - habe es ja wg. Urlaub nicht ganz ins Cavallo-Kompetenzteam geschafft. Mir geht es nicht um Panik, sondern darum, mal genau hinzuschauen. Die Zahl der Erkrankungen im Bewegungsapparat bei Pferden und die Zahl der auffälligen Pferde (wenn man einfach nur mal hinschaut) weist für mich darauf hin, dass einiges schief läuft. Es ist hilfreich, die Betrachtung des Themas von der Meinung über die Person zu trennen. Meine Aufgabe sehe ich darin, das Wissen zu vermitteln, das in die Lage versetzt, selbst sehen zu können. Damit man sich nicht fragen muss, worin die Absicht anderer Leute liegt...

Texas Lady hat gesagt…

Das macht Sinn. Ich kann mir gut vorstellen, dass es da Ansatzpunkte gibt, evtl. in Kombination mit anderen Faktoren wie z. B. unpassender Sattel, unzureichendes bzw. einseitiges Training, schlechte Hufpflege, etc. Um glaubwürdig zu erscheinen, sollte man sich wohl eher von Zitaten mancher Personen, die man nicht kennt, fernhalten.

Coco Chanelleke hat gesagt…

Deutlich und zur Sache finde ich Ihren Artikel. Undiplomatisch, nein. Eher mutig, weil Sie viele unwillige Reiter damit zum Nachdenken bringen. Chapeau!

M.aren hat gesagt…

In Ordnung. Dafür auch keine anonymen Aussagen mehr über andere Personen die vermutlich nicht einmal davon wissen. Hier geht es um die Sache, und was auch immer Sie für Probleme mit Frau Kutscher haben, bezüglich des Zitates bin ich mit ihr einer Meinung.

Karin hat gesagt…

In Ergänzung zum Muskeltraining würde ich auch auf jeden Fall regelmäßige manuelle Therapie, wie z. B. Osteopathie und Physiotherapie mit einsetzen.

Anonym hat gesagt…

Hallo,
vielen dank, dass du dich mit dem Thema beschäftigst. Eine Freundin hat gerade erst ein Pferd gekauft und jetzt empfahl man ihr den Muskelaufbau für Pferde nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.