Montag, 4. August 2014

Bewegungsanalyse zur Ellbogenarthrose

... Bezug nehmend auf den Post vom 2.8.2014:

„In truth, we are still in the dark. Seeing it is one thing, analyzing it and providing a preventative program is something totally different.“

"In Wahrheit tappen wir noch im Dunkeln. Etwas zu sehen, ist das Eine, es zu analysieren und ein Präventionsprogramm zu erarbeiten, ist etwas völlig anderes."
Sharon May-Davis, Australien

Am anderen Ende der Welt habe ich mich von einer anderen Seite an das Problem herangearbeitet, indem ich mich praktisch mit "Lebendiger Biomechanik" befasst und erkannt habe, dass kaum ein Pferd physiologisch sinnvoll trägt. Daher war bis Mitte letzten Jahres bei mir noch die Trageerschöpfung das große Thema. Nahezu alle mir bekannten Pferde - darunter auch einige Berühmtheiten - zeigen Symptome der Trageerschöpfung in unterschiedlichster Ausprägung. Eine Bewegungsauffälligkeit, die alle Pferde zeigen, ist für die meisten Menschen leider normal (Millionen Fliegen können sich nicht irren). Daher bin ich zwar nicht froh über die Ergebnisse von Sharon May-Davis´ Forschungsarbeit, die finde ich eher erschreckend. Aber ich bin froh, dass die gefundenen offensichtlichen pathologischen Veränderungen in den Ellbogen gearbeiteter Pferde meine Wahrnehmung bestätigen (... man kommt sich ja schon irgendwann blöd vor, so allein auf weiter Flur ...).

Die meisten Pferde werden nur so lange longiert bis sie gefügig genug sind, einen Reiter auf ihrem Rücken zu dulden (was bis zu der Behauptung führt, man müsse ein Pferd reiten, bevor es zuviel Kraft hat, sich zu wehren). Die Pferde erhalten weder die Zeit noch die Möglichkeit zu lernen, ihr eigenes Gewicht sinnvoll zu tragen, vom zusätzlichen Gewicht eines mehr oder weniger ausbalancierten Hilfengebers ganz zu schweigen. Auch in den verschiedenen Bodenarbeitskonzepten lernen die Pferde meistens nur, eine Form einzunehmen und ihre Schubkraft "wegzumachen" anstatt sie durch ganzheitliches Bewegungstraining nutzen zu lernen. Durch Überlastung von Anfang an können die Pferde einen Reiter nur tragen, indem sie die Brust- und Rumpfmuskulatur anspannen und festhalten. Dadurch verschieben sich die Arbeitsphasen innerhalb der Stützbeinphasen.

Um schnell auf den Punkt zu kommen, sei hier kurz erklärt, wie das Pferd auf das Gewicht reagieren sollte: Die Vorderbeine, inklusive Schulterblatt und Rumpfhebern, federn den Rumpf bereits in der ersten Hälfte der Stützbeinphase wieder vom Boden weg. Die thorakale Muskel- und Faszienschlinge ist ein sehr belastbares Gewebe, das stärker, dicker und dehnbarer wird, wenn es richtig trainiert wird. Und das bedeutet, dass das Gewicht sofort nach dem Auffußen nach rückwärts-oben geschickt wird, noch bevor das Vorderbein in die Senkrechte kommt. In dieser exzentrischen Bewegung arbeiten alle Gelenke der Vorhand in idealen Winkeln, die eine verschleißfreie Bewegung zulassen.
Das optimal arbeitende Vorderbein wartet auf den Schub der Hinterhand, die in der ersten Hälfte der Stützbeinphase durch das Gewicht leicht gebeugt wird - was die faszialen Strukturen auflädt. In der zweiten Hälfte der Stützbeinphase darf sich die Faszie wieder entladen und schiebt dadurch das Gewicht nach vorne. Das tut der Vorhand nichts! Je besser trainiert die Vorhand ist, um so stärker muss die Hinterhand bergauf arbeiten, selbst wenn der Weg bergab führt. Das wiederum trainiert die Hinterhand optimal, die so die Arbeit machen kann, für die sie gebaut ist, anstatt sich unter eine zusammengesackte Vorhand zu schieben, um diese zu entlasten.

Ein sehr interessanter Aspekt ist, dass die traditionellen Hufwinkel - 45-50° für die Vorderhufe und 50-55° für die Hinterhufe - genau so auch Sinn machen, wenn die Arbeitsphasen innerhalb der Stützbeinphasen stattfinden, wie oben beschrieben. Kann das Pferd so nicht arbeiten, versucht die Vorhand das Gewicht in der zweiten Hälfte der Stützbeinphase zu ziehen, während die Hinterhand in der ersten Hälfte der Stützbeinphase bremst. Dadurch werden alle Gelenke ungünstig belastet, sowohl die der Vorhand als auch die der Hinterhand (Buggelenk, Ellbogen, Fessel - auch das Fesselringbandsyndrom entsteht so). Für solche Pferde mag es vorübergehend eine Erleichterung sein, wenn die Vorderhufe steiler gestellt werden, aber diese Art der Hufbearbeitung führt dazu, dass das Problem sich weiter manifestiert. Übrigens gibt es sehr, sehr viele Pferde, bei denen die Hinterhufe flacher sind als die Vorderhufe. Das liegt nicht an den Hufpflegern und Hufschmieden, denn die beschlagen oder bearbeiten so, dass der Huf plan fußt. Wie er fußt, ist eine Folge des Trainings.
 
Um ein Pferd in seine Kraft zu bringen braucht es Zeit, vor allem auch Trainingszeit ohne Reiter, eine gute Kenntnis von Biomechanik in Bewegung und nicht zuletzt gute Nerven, denn wir alle neigen zum bremsen - nennen es allerdings Kontrolle oder Versammlung.
 
Ganz ehrlich: Mir gefällt mein englischer Text besser!
 

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