Samstag, 19. Juli 2014

Biomechanik und Piaffe ...

... sollte der Titel dieses Posts heißen. Der Text war auch schon fertig, den hänge ich gleich hinten dran. Zuvor jedoch noch eine Bemerkung: Nach "Trageerschöpfung" ist der häufigste zu diesem Blog führende Suchbegriff  "Fesselringbandsyndrom". Die häufigste Ursache für beides ist falsches Reiten aufgrund falsch oder nicht verstandener biomechanischer Prinzipien. Beide Probleme lassen sich nicht mit den Methoden lösen, die sie verursacht haben. Gleichzeitig ist die Lösung dieser Probleme für die breite Masse der Pferde und Reiter die größte Herausforderung. Die Herausforderung für die Meister ist es, einen Weg zur Piaffe zu beschreiben und zu beschreiten, der auch vermeintlich schwachen und untalentierten Pferden und Reitern nicht schadet, anstatt hervorragendes "Pferdematerial" schnell ans Ziel zu bringen. Also:

Biomechanik und Piaffe ...

… oder warum eine Piaffe mit zurückgestelltem Vorderbein nicht „fast richtig“ ist sondern einfach von nicht verstandenen biomechanischen Grundlagen zeugt – ebenso wie die Piaffe mit senkrechten Vorderbein, aber weggestellter Hinterhand. Anlass zum Schreiben dieses Textes war ein Kommentar in einem Reiterforum, dass die echte Piaffe schwer zu erarbeiten sei und man froh sein könne, wenn es „wenigstens schon so“ (...wie das Beispielbild mit zurückgestelltem Vorderbein in diesem Forum) aussähe. Leider führt der Weg von der falschen zur echten Piaffe nicht einfach ein Stück weiter vorwärts, sondern den ganzen langen Weg zurück zur Grundausbildung und zum grundlegenden Bewegungsverständnis von Mensch und Pferd – und von dort aus ganz langsam wieder vorwärts, über Jahre (!) ständig wiederkehrende alte Muster löschend und neue erarbeitend.
 

Symptome Trageerschöpfung:
Herausgedrückte Bugspitze, untergeschobene Hinterhand mit abgekipptem Becken, zurückgestellte Vorderbeine (u.a.).
Falsche Piaffe:
Herausgedrückte Bugspitze, untergeschobene Hinterhand mit abgekipptem Becken, zurückgestellte Vorderbeine.
Biomechanische Funktion der Vorderbeine:
inklusive Schulterblatt und Rumpfheber: Den Pferderumpf auf Abstand zum Boden halten, und das sogar nach rückwärts-aufwärts mit Druck gegen das Reitergewicht – nicht aber gegen die Hinterhand.
Biomechanische Funktion der Hinterhand:
Schieben. Den Rumpf vorwärts schieben, damit er nicht rückwärts aus der thorakalen Faszienschlinge rutscht. Schieben, bis das Vorderbein mindestens senkrecht steht, denn erst dann ist gesichert, dass das Gewicht nicht wieder zurückgerollt kommt...

Es gibt eine schöne Übung für die Motorradfahrer unter den Reitern: Sucht euch einen mittelhohen Bordstein, fahrt euer Motorrad im 90°-Winkel davor und haltet mit dem Reifen am Kantstein an. Jetzt Gas geben und ohne Bremse, nur mit Gas und Kupplung, das Motorrad genau auf die Kante fahren und dort in der Balance halten. Nicht rückwärts runterrollen, nicht drüberfahren. Das ist Kontrolle. Vorsicht: Je nach Höhe des Bordsteins und der Länge der eigenen Beine im Verhältnis zur Sitzbankhöhe kommt man nicht mehr mit den Füßen auf den Boden.

Natürlich kann man auch genau auf der Kippe die Bremse ziehen, aber dann ist die Übung nicht verstanden. Wenn die Kupplung anfängt zu stinken, ist auch was verkehrt. ;))

Was passiert bei der falschen Piaffe der Reitkünstler? Das Becken des Pferdes wird aktiv (Sporen, Gerte, Rückwärtsrichten) abgekippt. Dadurch ist die Schubkraft des Pferdes außer Gefecht gesetzt. Deshalb muss die Vorhand den Rumpf ziehen, anstatt ihn zu heben – daher das zurückgestellte Vorderbein. Deshalb wird die Bugspitze nach vorne gedrückt, um wieder halbwegs in die Balance über der Vorhand zu kommen. Das Pferd federt sein Gewicht nicht in die Hanken sondern beugt diese mit Muskelkraft und hebt nur die Füße.

Auf das Motorrad übertragen bedeutet das: Wir lassen aus dem Hinterrad die Luft raus, heben das Vorderrad an und schieben den Kantstein drunter. Dagagen ist die Variante mit der Bremse echt noch elegant.

Bei der falschen Piaffe der FN-Reiter bleibt das Vorderbein zwar häufig senkrecht, die Hinterhand bleibt jedoch steil und herausgestellt. Auch hier arbeitet das Pferd in erster Linie mit Kraft in der Vorhand, die Hinterhand jedoch wirkt wie ein hüpfendes Anhängsel, aus dem gerade so viel Schub nach vorne eiert, dass die Vorhand eine Piaffe vortäuschen kann. Hier ist der Motor so weit gedrosselt, dass das Motorrad mit Vollgas und ohne Kupplung genau bis auf den Kantstein kommt – aber nicht weiter.

Was alle gemeinsam haben: Ohne Schubkraft federt das Pferd in der Faszie nach unten, es hebt mit jedem Tritt zwar die Füße, aber nicht den Rumpf. In einer echten Piaffe, die die perfekte Kontrolle der Schubkraft durch das Pferd (nicht durch den Reiter) zeigt, federt der Rumpf nach oben und nimmt das jeweilige Vorderbein mit. Das Pferd fragt mit jedem Tritt „Darf ich vorwärts?“ Es könnte jederzeit das Gewicht stärker in die Hanken fallen lassen, um mit der Entladung der Faszie im nächsten Moment anzugaloppieren oder eine Kapriole zu springen. Man sollte das Gefühl haben, dass das Pferd sich sammelt, weil es die nächste Aufgabe vorbereitet. Echte Kontrolle der Schubkraft entwickelt sich über Jahre, zusammen mit der echten Hankenbeugung. Dieser Begriff bezieht sich auf die Beugung, das Einfedern der großen Gelenke der Hinterhand - Hüftgelenk, Knie und Sprunggelenk - unter Last. Das hat mit dem Abkippen des Beckens (im Lumbosakralgelenk! Das ist anders als beim Menschen!) nichts zu tun und auch nichts mit gewinkeltem Anheben der Beine. Vor allem entwickelt sich das alles nicht durch Piaffe üben.

Die perfekte Piaffe ist m. E. nur zu erreichen, wenn man die Körperintelligenz des Pferdes und seine funktionale Versammlungsfähigkeit anspricht und ausbildet. Und wenn man die Grundprinzipien der Biomechanik verstanden, erspürt und verinnerlicht hat.

Warum aber sollten wir uns und den Pferden das Leben versauen mit dem ewigen Streben nach einer Form, wenn das Spiel mit den Funktionen "Tragen" und "Bewegen" doch so viel Freude und Befriedigung bringt? Sollte mich irgendwann in den nächsten Jahren eines der Pferde mit denen ich arbeite von sich aus fragen, wie eine Piaffe geht – na, dann fangen wir munter an zu üben!

Kommentare:

Dirk Baguß hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
M.aren hat gesagt…

Lieber Herr Baguß,
wir scheinen sehr unterschiedliche Ansätze zu haben. Bei mir muss das Pferd nicht "nachgeben", soll das auch garnicht. Die Pferdenase hinter der Senkrechten ist für mich immer ein Kriterium für Fehler in der Arbeit. Kann passieren, ist aber ganz fatal. Grundlegende äußere Kriterien für eine korrekte Piaffe sind für mich: Nase vor der Senkrechten, senkrechtes Vorderbein und echte Hankenbeugung, bei der Knie- und Hüftgelenk unter Last in der Mitte der Stützbeinphase gebeugt sind, ein neutrales LSG und ein klarer Zweitakt.
Auf Ihrem Video - wenn ich denn das richtige gefunden habe, ging es leider nicht bis zur Piaffe.

Dirk Baguß hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
M.aren hat gesagt…

Ich habe gesagt, dass das Pferd nicht nachgeben muss. Grundsätzlich. Und nicht hinter die Senkrechte kommen darf. Was es auf Ihrem Video tut... ;)
Das gefühlte Weichwerden, wenn es denn reell sein soll, findet im ganzen Körper, in allen Gelenken statt und ohne Kraftverlust. Durch eine positive Verbindung mit dem Reiter und nicht durch Nachgeben auf Zügeldruck. Das Maul und damit der Unterkiefer lösen sich, wenn das Pferd anfängt, sich auszubalancieren. Ganz von alleine. Ohne Kandare, ohne aufgestellte Hand.
Das Pferd braucht Übungszeit.

M.aren hat gesagt…

Habe mir ein paar Videos auf Ihrem Kanal angeschaut. Ich glaube, vom allgemeinen Verständnis her kommen wir nicht so recht zusammen. Wenn Sie wirklich wollen, dass die Pferde sich über die Vorderbeine nach vorne fallen lassen - und so habe ich zwei Ihrer Videos verstanden - dann arbeiten Sie die Pferde aus meiner Sicht direkt in die absolute Hilflosigkeit und in pathogene Bewegungsmuster.

Dirk Baguß hat gesagt…

Zeigen Sie mir bitte doch mal das Ergbnis ihrer erarbeiteten Piaffe?

M.aren hat gesagt…

Warum wollen Sie unbedingt mit mir streiten? Sie gehen von einem völlig anderen Bewegungsverständnis aus als ich. Sie werden mich nicht von Ihrer Arbeit überzeugen können, und ich lege keinen Wert darauf, Sie zu überzeugen. Für mich gibt es Bewegungsprinzipien, die ich nicht einfach umdrehen kann, um Lektionen hervorzuzaubern und ich möchte das auch nicht. Generell halte ich die sogenannten Piaffen für völlig überbewertet und nicht erstrebenswert. Weil sie pathogene Bewegungsmuster erzeugen.
Not my circus, not my monkeys.
Wenn Sie meine Begründung verstehen wollen, können Sie das Buch "Jenseits der Biomechanik" lesen. Da steht alles drin.

Dirk Baguß hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
M.aren hat gesagt…

Meinen Post über die verschiedenen krankmachenden Variationen von Piaffe habe ich geschrieben, nachdem ich mich jahrelang mit deren Folgen bzw. den Folgen eines unpassenden Bewegungsverständnisses befasst habe. Ich bin keine Sportausbilderin und habe das auch nie behauptet. Ich habe mit den Pferden gearbeitet, die der Sport "ausgeschieden" hat. Mit den kaputten Pferden. Den Leichen aus den Kellern der Bereiter.
Das Foto vom 16.Mai ist ein schönes Beispiel für das, was ich für erstrebenswert halte. Die Stute ist letztes Jahr 8-jährig "aufgegeben" worden, weil sie den Sprung nicht anzieht. Die Reiterin ist 12 Jahre alt und hat das Pferd vor ziemlich genau einem Jahr gekauft, weil sie ja ohnehin nicht springen wollte. Für solche Ergebnisse arbeite ich, nicht für Turniererfolge. Von daher gibt es genaugenommen keinen Grund für Sie, enttäuscht zu sein.