Donnerstag, 1. Mai 2014

Ausbildungstipps im PM-Forum

In der neusten Ausgabe der PM-Zeitschrift werden Gebäudemängel des Pferdes besprochen und Lösungsvorschläge geliefert. Zum langen Rücken liest man dort: „Unter dem Gewicht des Reiters neigt er sich leicht nach unten, wobei das Becken des Pferdes nach vorn kippt und sich so die Hinterhand nach hinten heraus aus dem Hüftlot bewegt.“ Meines Wissens handelt es sich hierbei um Trageerschöpfungssymptome. Die Rumpfmuskulatur ist zu schwach, das Gewicht bleibt nicht über der für´s Tragen gemachten thorakalen Muskelschlinge. In der Folge rotiert der Rumpf um seine Querachse nach hinten, was die hintere Brustwirbelsäule und deren Übergang zur Lendenwirbelsäule belastet. Das Pferd muss zunächst die Hinterhand herausstellen, da Becken und Wirbelsäule funktional verbunden sind und es das natürliche Bestreben des Pferdes ist, die Wirbel nicht gegeneinander zu verkanten.

Der Lösungsansatz zeigt mir leider, dass die biomechanischen Zusammenhänge auch hier missverstanden werden: Da der Weg des Hinterbeins unter den Schwerpunkt beim langen Pferd weiter sei, müsse es „das Bestreben des Reiters ... sein, das Pferd in der Arbeit dazu zu bringen, das Becken nach hinten zu kippen, also Quasi seinen Schweifansatz zu senken.“

Wer das Pferd dazu bringen will, das Becken abzukippen anstatt die Vorhand ihre Arbeit machen zu lassen, reitet rückwärts und führt die Ausbildungsgrundlagen ad absurdum. Ein nach hinten abgesenkter Brustkorb kann nur in Dehnungshaltung im Vorwärts durch wohldosierte Schubkraft seinen Platz in der thorakalen Muskelschlinge wiederfinden. Wenn das gelungen ist, fängt letztere an zu federn, die Vorhand wird größer, und erst, wenn die Vorhand auch auf verhaltende Hilfen mit exzentrischer Bewegung reagiert, kann die Hinterhand jederzeit durchschwingen und anfangen, federnd Last aufzunehmen, anstatt sich krampfhaft unter eine zusammengefallene Vorhand zu zwingen. Das Pferd zieht dann jederzeit an den Zügel und ist in der Lage, seine Schubkraft so zu dosieren, dass die Vorhand immer trägt – auch den Reiter. Das Becken gehört dabei vorerst in eine stabile neutrale Position, die Beugung der Hanken kann sich nur in dem Maße entwickeln, in dem die Vorhand tragen kann.

Aufgrund der im Artikel beschriebenen falschen Bewegungsvorstellung haben so viele Pferde (aller Reitweisen) diesen vermeintlich "herausstehenden Wirbel" zwischen Sattellage und Kruppe. Die Hinterhand versucht, den Rücken durch Rückwärtszug zu straffen, während der Rumpf nach unten zieht. Hier kann kein Osteopath dauerhaft etwas ausrichten, nur ein korrektes Bewegungsverständnis hilft. Im Sinne der Pferd würde ich mir wirklich wünschen, dass alle, die glauben zu wissen, wie ein Pferd funktioniert, sich über einen längeren Zeitraum gründlich mit den biomechanischen Zusammenhängen aus der Sicht des Pferdes befassen.

Es ist nicht so schwer. Mit dem Satz aus einem Buch von Michael Putz – Das Pferd muss ziehen –, etwas biomechanischem Grundwissen und Gelassenheit im Umgang mit vermeintlichen Widersprüchen kann jeder, der das Streben nach der korrekten Form loslassen kann, ein Pferd so arbeiten, dass es Freude daran hat und lange hält. Ohne Sehnenschäden und Knubbel im Rücken. Auch wenn es kein optimales Gebäude hat.

1 Kommentar:

A.Denker hat gesagt…

Danke, Frau Diehl,
jetzt habe ich eine Idee bekommen, warum so vieles für mich und mein Pferd nicht zu funktionieren scheint und warum meine Osteopathin so ratlos ist. Anscheinend muss ich anfangen, alte Gewohnheiten hinterfragen.
Danke für den Impuls.